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Bocholt

Siemens MD wird eigenständig

Donnerstag, 16. Februar 2017 - 16:11 Uhr

von Ludwig van der Linde

Bocholt - Siemens wird seine Geschäftseinheit Mechanical Drives (MD) künftig als eigenständiges Unternehmen unter dem Dach von Siemens führen. Mit diesem Schritt soll die Sparte, die ihren Hauptsitz in Bocholt hat, flexibler und effizienter werden, um sich gegen die Wettbewerber, die überwiegend mittelständisch aufgestellt sind, besser behaupten zu können, teilte der Konzern am Donnerstag mit (aktualisiert 18 Uhr).

Foto: Betz

Rund 1700 Beschäftigte nahmen an der kurzfristig angesetzten Betriebsversammlung in der Siemens-Versammlungshalle in Bocholt teil.

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Die Mitarbeiter der Werke aus Bocholt, Mussum und Voerde erfuhren die Nachricht am Donnerstag um 14 Uhr in einer außerordentlichen Betriebsversammlung. Die Beschäftigten in Penig waren per Videokonferenz zugeschaltet. Mit diesem Schritt soll Siemens MD flexibler und effizienter werden, um sich gegen die Wettbewerber, die überwiegend mittelständisch aufgestellt sind, besser und erfolgreicher behaupten zu können. Arbeitsplätze sollen durch diesen Schritt nicht abgebaut werden, versichert die Vorstandsetage.

Offen ist noch, welche Rechtsform das Unternehmen haben wird, ob es zum Beispiel als GmbH oder AG geführt wird. "Offen ist auch noch der Name", sagt MD-Chef Stefan Tenbrock im BBV-Gespräch. Dass auch "Flender" ein Bestandteil dieses Namens sein könnte, schloss er nicht kategorisch aus. "Aber noch ist nichts entschieden." Siemens habe sich dazu entschlossen, zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Mitarbeiter über diesen Schritt zu informieren und mitzunehmen. Tenbrock: "Deshalb können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt viele Fragen auch noch nicht beantworten."

Die Umsetzung der Eigenständigkeit soll zwei Schwerpunkte haben: die Ausgliederung der heutigen MD-Geschäfte und der wichtigsten Service-Aktivitäten in eigene Einheiten. Das sei geplant in einer ersten Welle bis zum 31. Dezember 2017. Zudem werde es eine zweite Welle bis zum 30. Juni 2018 geben. Dann soll die Eigenständigkeit über alle Geschäftsfunktionen erreicht sein.

Siemens hatte die damalige Flender AG 2005 gekauft und schrittweise bis Mai 2010 komplett in seinen Konzern verschmolzen. Jetzt wird diese Verschmelzung wieder aufgelöst, auch wenn die Flender AG nur noch in Teilen identisch ist mit der Siemens MD. Von einer Fehlentscheidung will Tenbrock auf Nachfrage nichts wissen. "Die Welt von 2017 ist nicht die Welt von 2005", sagt der heutige MD-Chef. Das Marktumfeld habe sich erheblich verändert. "Die Entscheidung damals war richtig und die jetzige ist es auch." Besteht denn die Gefahr, dass Siemens irgendwann die MD verkauft? "In der derzeitigen Planung ist das nicht vorgesehen", versichert Tenbrock. Aber er wisse natürlich auch nicht, was in einigen Jahren sei.

Siemens-Betriebsratschef Andreas Wendland sieht die Entscheidung der Siemens AG, den Geschäftsbereich MD wieder als eigenständiges Unternehmen aufzustellen, auch als Chance. "Mit dieser Neuaufstellung behalten wir einerseits die Stärken eines breit aufgestellten Großkonzerns und gleichzeitig erhält die Geschäftsleitung vor Ort mehr unternehmerische Freiheiten", sagte Wendland auf BBV-Anfrage. Vor diesem Hintergrund sei es für den Betriebsrat sehr wichtig, dass die MD eine 100-prozentige Tochter der Siemens AG bleibe. Wendland würde es begrüßen, wenn der Name "Flender" in einem neuen Firmenlogo seinen Platz zurückbekommen würde.

Kommentar:

Aus dem Tanker kann ein Schnellboot werden

Die Entscheidung von Siemens, seine Sparte Mechanical Drives zu einem eigenständigen Unternehmen zu machen, kommt nicht nur für Außenstehende, sondern auch für die Mitarbeiter überraschend. Viele von ihnen gingen gestern vermutlich mit einem mulmigen Gefühl in die kurzfristig angesetzte Betriebsversammlung, nicht ahnend, was da von oben verkündet wird. Doch die Nachricht dürfte bei dem Großteil der Beschäftigten durchaus positiv aufgenommen worden sein. Gerade die ehemaligen Flenderaner klagten immer wieder darüber, dass mit der Übernahme durch Siemens viele Prozesse unnötig kompliziert und Entscheidungen langsamer gefällt wurden als zu alten Flender-Zeiten. Mit der Rückkehr zu einem mittelständischen Unternehmen könnte aus dem schwerfälligen Tanker wieder ein Schnellboot werden, das sich in dem schwierigen Marktumfeld besser behaupten kann. Um so erfolgreicher das Unternehmen dann agiert, um so besser für die Beschäftigten, denn dann sind ihre Arbeitsplätze sicher. Auf der anderen Seite dürfte der eine oder andere auch Sorgen haben, denn Siemens ist auch dafür bekannt, Sparten zu verkaufen. Gerade Bocholt hat damit seine schlechten Erfahrungen gemacht, als der Münchner Konzern die eigene Handysparte an BenQ verscherbelte. Die schnelle Pleite des neuen Eigentümers in Deutschland kostete viele Beschäftigte den Job. Sollte irgendwann auch die heutige Siemens MD zum Verkauf stehen, dann sollte sich der Siemens-Vorstand an diesen Fehler erinnern und einen verantwortungsvollen Investor aussuchen.

Ludwig van der Linde


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