
Der Junge, der nur Mathe verstand
Bocholt. Deutschland war für den 14-jährigen Abdulkadir Kis zunächst einmal ein großer Schock. Sein Vater, der in Bocholt bei Flender arbeitete, hatte ihn und seine Mutter 1973 aus der 200.000-Einwohnerstadt Corum zu sich geholt. Neun Jahre, nachdem er selbst die Türkei verließ, um in Europa zu arbeiten.
„Ich konnte kein Wort Deutsch, ich hatte keine Freunde und Bekannte“, berichtet Kis. „Nach einem Monat habe ich weinend gesagt: Ich will zurück!“ Inzwischen ist aus dem 14-Jährigen ein waschechter Deutscher geworden, ein erfolgreicher Diplom-Ingenieur und ein Bocholter, der sich ehrenamtlich für die Stadt einsetzt. 1992 hat Kis den Türkischen Elternbund und 1993 die Deutsch-Türkische Gesellschaft (DTG) mitbegründet, seit 2010 ist der 52-Jährige Vorsitzender des Integrationsrates.
Wie hilflos sich Menschen in einem Land fühlen, dessen Sprache sie nicht verstehen, weiß Kis aus eigener Erfahrung. In der Langenbergschule, in die er zunächst geschickt wurde, habe er drei Tage gesessen und nichts verstanden, berichtet er. Sein Lehrer Georg Langenhoff habe dann eine Mathe-Aufgabe an die Tafel geschrieben. „Wer kann das lösen?“, fragte er. Kis konnte es, was viele überraschte. Kurze Zeit später fuhr ihn der Leiter der Schule zu einer türkischen Vorbereitungsklasse. „Das war mein zweiter Schock“, sagt Kis. „Ich fühlte mich das erste Mal unter Türken fremd.“
6 bis 18 Jahre alt waren die Schüler dieser Klasse. Und sie kamen aus allen Teilen der Türkei, berichtet Kis. Größer als zwischen Bayern und Hamburgern seien die Unterschiede teilweise gewesen. Hier lernte er Deutsch. Nach einem halben Jahr, als er die Alltagssprache halbwegs beherrschte, besuchte er wieder die achte Klasse. Doch erst im neunten Schuljahr konnte er sich richtig am Unterricht beteiligen.
Dass sein Vater ihn zum 1. FC Bocholt brachte, wo er mehrere Jahre Fußball spielte, habe ihm geholfen, berichtet Kis. Und noch mehr die ehemalige Stadtbibliotheksleiterin Dr. Elisabeth Leonhardt, die sich als Rentnerin bei der Familienbildungsstätte (Fabi) für die Gastarbeiter-Kinder engagierte. „Meine deutsche Großmutter“ nennt Kis sie liebevoll. „Wir haben immer das Glück gehabt, die richtigen Leute kennenzulernen“, sagt Kis’ Frau Eda, eine kaufmännische Angestellte, die das ehrenamtliche Engagement ihres Mannes unterstützt. Leonhardt sei eine enge Freundin der Familie geworden, und Langenhoff ein Freund.
Offenheit und Bildung: Diese beiden Dinge hätten ihm die Integration erleichtet, sagt Kis. Negative Erfahrungen habe er persönlich nie gemacht. Anfang der 90er-Jahre entschlossen sich die Kis’, deutsche Staatsbürger zu werden. „Vereinsarbeit war für uns deshalb selbstverständlich. Wenn wir hier bleiben und leben, wollen wir uns auch einsetzen“, sagt Kis, der mit seiner Frau zwei erwachsene Töchter hat und 1996 in Bocholt ein Haus kaufte.
Wie andere ihm geholfen hatten, so half auch er anderen. Vor seinem Studium ging er mit türkischen Einwanderern zum Arbeitsamt oder zur Stadt, um Dinge zu klären. Nach seinem Studium, als er dafür keine Zeit mehr hatte, gründete er mit Gleichgesinnten den Elternbund und ein Jahr später die Deutsch-Türkische Gesellschaft. Bei beiden Organisationen ist er jetzt Vorsitzender. 1994 sammelten die Kis‘ Unterschriften für einen frei wählbaren Ausländerbeirat, jetzt leitet Kis die Sitzungen des Integrationsrates. Seine Aufgabe sehe er im „Organisieren, Leute-Zusammenbringen und Management“, sagt Kis. Die ehrenamtliche Tätigkeit betrachte er als „Ausgleich zum Beruf“.
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