Historiker-Kommission sieht fast alle Fakultäten der Uni Münster in den Nationalsozialismus verstrickt

Von der Verstrickung Münsteraner Wissenschaftler in den Nationalsozialismus können sie wenig Gutes berichten: Die Doktoranden Sebastian Felz (2. v. li.), Daniel Droste (Mitte) und Kathrin Baas (2. v. re.), hier mit Kommissionsleiter Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer und Junior-Professorin Dr. Isabel Heinemann, sehen viele Fakultäten beteiligt.
Von der Verstrickung Münsteraner Wissenschaftler in den Nationalsozialismus können sie wenig Gutes berichten: Die Doktoranden Sebastian Felz (2. v. li.), Daniel Droste (Mitte) und Kathrin Baas (2. v. re.), hier mit Kommissionsleiter Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer und Junior-Professorin Dr. Isabel Heinemann, sehen viele Fakultäten beteiligt.
(Foto: Kalitschke)


Von Martin Kalitschke

Münster. Hermann Weber, seit 1936 Ordinarius am Zoologischen Institut der Uni Münster, sprach ganz offen: Wer nicht dem „nordisch-germanischen“ Ideal entspreche, müsse „ausgelesen“ und „ausgemerzt“ werden. So forderte der renommierte Wissenschaftler wiederholt in Publikationen - und lobte zugleich die Vorzüge des NS-Staates. Weber, so stellt der Münsteraner Doktorand Daniel Droste fest, „unterstützte das NS-Regime tatkräftig“. Der Karriere nach 1945 schadete das nicht: Weber wurde Ordinarius für Zoologie in Tübingen und später Delegierter bei der Unesco.

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Kein Einzelfall: Die Schar der Münsteraner Wissenschaftler, die sich den neuen Machthabern nach 1933 angedient hätten, sei groß gewesen. So lautet eine Zwischenbilanz, die mehrere Teilnehmer einer Kommission unter Leitung des renommierten Historikers Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer gezogen haben. Anlass: die Münsteraner Ausstellung „Wissenschaft, Planung, Vertreibung“.

Freilich war nicht jeder so tief verstrickt wie Otmar von Verschuer, Doktorvater des berüchtigten Auschwitz-Arztes Josef Mengele, mutmaßlicher Profiteur seiner Menschenversuche im Vernichtungslager und nach dem Krieg Mitglied der Medizinischen Fakultät in Münster. Doch Verstrickungen gab es in fast allen Fakultäten.

Beispiel Jura: Während Karl Gottfried Kugelmann die „räumliche Ausscheidung“ von „Artfremden“ (also die erzwungene Umsiedlung) theoretisch postulierte, nahm Hans Julius Wolff, nach 1945 einer der bedeutendsten deutschen Verfassungsrechtler, bei ihrer Umsetzung eine aktive Rolle ein. „Er war ein Praktiker der ethnografischen Neuordnung“, betont Doktorand Sebastian Felz. Das Gleiche gelte für Albert Derichsweiler, der nach dem Krieg im hessischen Landtag saß und in den 1970er Jahren die „Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie“ gründete.

Doch nicht nur Juristen, auch Geografen dienten sich dem NS-Regime an. Forscher wie Hans Dörries oder Ludwig Mecking hätten ganz im Sinne der Machthaber gearbeitet, sagt Doktorandin Katrin Baas. Sie seien zudem außeruniversitären, dem Regime nahe stehenden Organisationen verbunden gewesen.

Schließlich die Biologie. Neben Weber glänzte hier Eduard Schratz, seit 1932 am Botanischem Institut, durch willfährige Mitarbeit. „In den besetzten Ostgebieten raubte er für seine Forschungen Pflanzen, Menschen und Forschungsergebnisse“, sagt Daniel Droste. Auch für Schratz endete die Karriere nicht nach 1945. In der Bundesrepublik brachte er es unter anderem zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung.

„Die NS-Geschichte der Universität ist bislang nur unzureichend aufgearbeitet worden“, betont Kommissionsleiter Thamer. Aus seiner Sicht war die „problemlose Anpassung“ vieler Münsteraner Wissenschaftler nach der Machtergreifung „keine Ausnahme“ - auch nicht der Fortgang ihrer Forschungsarbeit nach 1945.

VON MARTIN KALITSCHKE, MÜNSTER

14 · 01 · 10



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