Bocholt

BBV-Zeitungspredigt: Demut als „Tugend des Zusammenlebens“

Seelsorger aus der Region schreiben in dieser Serie an die BBV-Leser.

Sonntag, 1. August 2021 - 06:00 Uhr

von Patrick Moebs

Bocholt - „Zeitungspredigt“: Das ist der Name einer neuen Serie im BBV. In dieser Reihe schreiben Seelsorger aus Bocholt, Rhede, Isselburg und Hamminkeln an unsere Leser. Mehr als 20 Seelsorger haben sich schon gemeldet und wollen an der neuen Serie teilnehmen. Die heutige Zeitungspredigt kommt von Pfarrer em. Alfred Manthey von der Pfarrei St. Josef aus Bocholt.

© Pfarrei St. Josef

Pfarrer em. Alfred Manthey

DEMUT

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne

Aus jeder Brust

O Erd, O Sonne,

O Glück, O Lust!

„So beginnt Goethes schwärmerisches Gedicht ‚Mailied‘. ,Wie herrlich leuchtet mir die Natur!‘ Wer das in diesen Wochen liest, reibt sich die Augen angesichts der verstörenden Bilder von der Unwetterkatastrophe in mehreren Regionen unseres Landes. Die Natur zeigt sich nicht nur ‚lieblich‘ und menschenfreundlich, sondern oftmals unberechenbar, zerstörerisch, voller Gefahren, lebensbedrohlich, ja tödlich.

Wer hätte das nicht schon erfahren bei plötzlichen Wetterstürzen auf einer Bergwanderung in alpinen Regionen, bei Lawinenabgängen in einem traumhaften Skigebiet, in einer Segeljacht auf dem offenen Meer oder im Flugzeug auf einem Kontinentalflug? Von Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder einem Tsunami ganz zu schweigen.

Nun wird viel lamentiert über die Ursachen der Katastrophe, über nicht vorhandene oder mangelhafte Frühwarnsysteme, über das Nicht-ernst-nehmen-Wollen des Klimawandels, über vermeintliches Politikversagenund so weiter. Es ist richtig: Angesichts einer Katastrophe mit vielen Opfern und Geschädigten gehört manches auf den Prüfstand. Was hätte vermieden werden können? Was muss zukünftig anders werden?

In diesen Wochen aber, im Abwenden der unmittelbaren Not, sollten wir zuerst den Blick auf die überwältigende Hilfsbereitschaft vieler Menschen und Hilfsorganisationen richten und dabei dankbar staunen, wie groß die Anteilnahme in unserem Land ist. Oft wird gesagt, die Menschen seien egoistischer geworden, weniger empathiefähig. Das Gegenteil ist der Fall. Das zeigte sich bereits bei früheren Unwetterkatastrophen, besonders aber am Beginn der Flüchtlingskrise.

Unser zweiter Blick sollte sich auf unser Inneres richten, auf etwas, das mit dem Wort ‚Demut‘ gemeint ist, ein oft vergessenes Wort in unserem Sprachschatz. Die Haltung der Demut ist eine Tugend. Demut im biblischen Sinn ist zunächst einmal das Gegenteil von herrschen wollen, Macht ausüben; das Gegenteil von Stolz und Überheblichkeit, das Gegenteil von eingebildet sein und Dünkel. Wahre Demut ist immer ein Zeichen der Größe.

Darum frage ich: Stünde es unserem reichen und stolzen Land mit seinem Weltklasse-Krisenmanagement und seinen vertrauenswürdigen Katastrophenschutzeinrichtungen nicht gut an, sich einzugestehen, dass auch wir verletzlich sind, beschränkt in unseren Möglichkeiten und anfällig für fehlerhaftes Verhalten? Auch bei uns gibt es Situationen, denen wir zunächst einmal machtlos gegenüberstehen. Es würde uns gut anstehen, uns demütig als Geschöpfe zu sehen, ausgesetzt auf einem kleinen zerbrechlichen Planeten im unendlichen Universum, denen die Erde anvertraut wurde nicht zum Beherrschen, sondern um sie zu bewahren.

Demut ist nie und nimmer eine ,feige Tugend‘, wie Nietzsche sie einmal genannt hat. Im Gegenteil: Demut als die ,Tugend des Zusammenlebens‘ – so möchte ich sie nennen – wird in unserer Welt immer unverzichtbarer, da immer eindeutiger einer vom anderen abhängt und alle aufeinander angewiesen sind.

Wenn wir Christen heute etwas zeichenhaft vorleben wollen, dann könnte das die Demut als die ,Tugend des Zusammenlebens‘ sein, da doch sonst überall das Gesetz des Herrschens und Sich-beherrschen-Lassens gilt.“

Gunde Lehmkuhl 02.08.202108:31 Uhr

Die Predigt ist sehr schön.Aber so kenne ich Herrn Mantey,immer ein tröstete Wort. Ich würde mich freuen,wenn er mich mal besuchen würde.Er kennt mich.dann kann er denGarten mal sehen wie ersetzt aussieht.Viele Grüße ihre Gunde Lehmkuhl von der Rheinstraße.

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