Bocholt

Digitaler Vortrag: „Zeit, Chance, Zukunft - Philosophische Überlegungen“

Ausgefallener Vortrag als Video im BBV-net

Freitag, 3. April 2020 - 10:14 Uhr

von Nikolaus Kellermann

Bocholt - In der vergangenen Woche hätte es im Rahmen der Hochschultage den Vortrag „Zeit, Chance, Zukunft“ des ehemaligen VHS-Leiters Reinhold Sprinz geben sollen. Der Vortragsabend musste aufgrund der Corona-Krise ausfallen. Als kleinen „Ersatz“ gibt es nun im BBV-net einen knapp einstündigen Videovortrag zum Anschauen.

© Patrick Semansky/AP/dpa

Donald Trump, Präsident der USA, spricht über das Coronavirus im Rosengarten des Weißen Hauses.

Im Interview sprachen wir vorab mit dem Dozenten über Populismus und die Suche nach schnellen Antworten auf komplizierte Fragen.

Gibt es philosophische Fragen, bei denen Sie sich wundern, warum sie im Alltag nicht häufiger gestellt werden?

Reinhold Sprinz: Das gibt es mit Sicherheit. Die große Frage ist ja: Woher kommt es, dass es die Möglichkeit gibt, dass Leute wie Donald Trump oder AfD-Politiker Argumentationsfäden spinnen können, die dann auch noch fruchten. Warum gelingt es, dass man mit so kurzatmigen Denkansätzen in der Gesellschaft Erfolg haben kann? Ich glaube, dass man das aus einer großen Veränderung in der Welt ableiten kann.

Welche ist das?

Sprinz: Dadurch, dass es keine verbindlichen Normen oder Regeln, keine verordneten „Überbaustrukturen“ mehr gibt, gibt es ein großes Vakuum. In dieses können Populisten wunderbar „hineinargumentieren“, wenn man so will. Die Frage ist, warum ist Populismus möglich und das liegt meiner Meinung nach an dieser Veränderung, die ihre Wurzeln in der Zeit Emanuel Kants und der großen Philosophen, aber auch von Goethe und Schiller hat. In der Zeit ist das alte Weltbild zerbrochen.

Reinhold Sprinz hat seinen Vortrag ohne Publikum gehalten.

Was denken Sie, mit welcher Konsequenz?

Sprinz: Es gab danach eine lange Zeit der Aufarbeitung und der Hinterfragung dessen, was der Sinn des Lebens und die Zielorientierung des Lebens sind. Wir leben jetzt in einer Zeit der Orientierungssuche, was bedeutet, dass eben dieses Vakuum da ist, in das Menschen dort hineinargumentieren können, wo nicht eigene Positionen in der Gesellschaft entwickelt worden sind.

Hat sich denn Ihrer Meinung nach durch neue Entwicklungen auch die Art verändert, in der ein Diskurs heute geführt wird?

Sprinz: Ich will das gar nicht nur negativ sehen: Es gibt heute auf der einen Seite die Möglichkeit ganz kurze „Informationsstöße“ zu geben, wie es Trump beispielsweise auf Twitter macht, bei anderen ist es vielleicht Facebook, also eine Verkürzung von bestimmten Informationsflüssen. So kann sich der Einzelne sehr schnell artikulieren. Auf der anderen Seite können so aber natürlich auch schnell Fehlurteile kommuniziert werden. Das sehen wir aktuell in den USA, aber auch in anderen Teilen der Welt.

Stichwort Corona-Krise?

Sprinz: Ja, Trump kann in Bezug auf die Corona-Krise jede Menge fehlerhafte Tweets absetzen. Die führen dann dazu, dass ein Teil der Bevölkerung, der genau diese fehlerhafte Information gerne hören möchte, positiv darauf reagiert. Es wird dann aber nicht kritisch hinterfragt, wie viel Wahrheit steckt denn dahinter.

Die berühmte „Filterblase“? …

Sprinz: Ja, natürlich! Auch technische Filter, aber eben auch Wahrnehmungsfilter, die bei den Menschen mittlerweile etabliert sind! Die Frage ist, warum kommt es nicht dazu, dass die Menschen viel häufiger fragen: Warum sagt er das? Warum gibt es so kurze Antworten auf so komplexe Fragen?

Ist das der Wille, unangenehme Wahrheiten zu vermeiden? Oder sucht man automatisch nach denen, die Antworten geben, die man gerne hören will?

Sprinz: Ich glaube, dass es beides gibt. Sowohl Unangenehmes zu vermeiden, als auch, dass man vereinfachte Wahrheiten suchen möchte. Edith Stein hat gesagt - und ich zitiere sie mal sehr frei - dass die Auseinandersetzung mit Sachverhalten echte Arbeit bedeutet! Das heißt, ich muss mich, wenn ich zu einem Urteil kommen will, vorher mit den Sachverhalten, die eine differenzierte Urteilsbegründung möglich machen, auseinandersetzen.

Und das ist Arbeit.

Sprinz: Im wahrsten Sinne des Wortes. Und in einer schnelllebigen Zeit ist es auch sehr viel einfacher, mal eben ganz schnell zu reagieren und zu sagen: Ja, das hört sich super an, das ist meine Meinung, so verhalte ich mich.


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