Bocholt

Wie eine Ex-Bocholterin den US-Wahlkampf erlebt hat

Susanne Elsebrock lebt seit 13 Jahren in Huntington in den USA

Mittwoch, 4. November 2020 - 14:56 Uhr

von Susanne Elsebrock

Bocholt - Seit 13 Jahren lebt die Bocholterin Susanne Elsebrock in Huntington, New York. Nachdem Donald Trump in November 2016 die US-Präsidentschschaftswahl gewonnen hatte, beantragte sie die doppelte Staatsbürgerschaft, um ihn abwählen zu können.

Susanne Elsebrock hat die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt, damit sie Trump abwählen kann. Ob das geklappt hat, wusste sie am Mittwoch noch nicht.

Alles ist ruhig am Morgen nach der US-Wahl in Huntington, New York, einer Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern auf Long Island, eine gute Autostunde östlich von Manhattan. Noch ist alles ruhig, denn es gibt noch keinen Gewinner. Noch haben die USA keinen neuen Präsidenten und die Anspannung der Menschen erreicht ein ganz neues Niveau.

Wochenlang, monatelang, für manche jahrelang hat sich alles auf diesen Tag der Entscheidung zugespitzt und jetzt sitzen alle gebannt vor ihren Fernsehern, updaten pausenlos ihren Twitter-Feed oder schauen verstohlen alle paar Minuten unter dem Schreibtisch auf ihre Handys, um zu sehen, ob es etwas Neues gibt. Ob wir endlich wissen, wie es weitergeht. Die Ungewissheit, Nervosität und, bei manchen, die schiere Angst, vor dem, was kommen könnte – egal wer gewählt wird – ist überall spürbar.

Meine Mitteklasse-Nachbarschaft, wie auch der Bundesstaat New York an sich, wählt vorwiegend demokratisch. Über den Gartenzaun und auf den Straßen wird bei uns allerdings nur wenig über die Wahl gesprochen, nur eine Handvoll Schilder sind in den Vorgärten aufgestellt. Vorsicht ist geboten, da beide Seiten derartig emotional geladen sind, dass ein falsches Wort oder die Andeutung, dass man den vermeintlich falschen Kandidaten unterstützt, das Nachbarschaftsverhältnis langfristig negativ beeinflussen kann. An der Tür zu meinem Fitnessstudio klebt so schon seit Monaten das Schild mit der Aufschrift „This is a political free zone.“ (Dies ist eine politikfreie Zone), nachdem zwei Herren in den Sechzigern – einer Anwalt, der andere Arzt – sich lauthals und unter Benutzung ihrer Fäuste über die Wahl „unterhalten“ hatten.

Elsebrocks Hündin Ellie sitzt vor einem Wahlplakat.

Im Büro sucht man sich Verbündete. Wer sieht aus wie ein Demokrat? Wer könnte auf „meiner Seite“ sein? Kommt die Kollegin von der Südküste Long Islands, wo es mehr Republikaner gibt, oder ist sie von der Nordküste und man kann mal vorsichtig die Fühler ausstrecken und ein Gespräch über Umweltpolitik und Frauenrechte anfangen.

In den vergangenen Wochen ist die Anspannung ins Unendliche gestiegen. Freunde haben ihre Reisepässe verlängert, um im Fall von Ausschreitungen das Land verlassen zu können. Wer nicht schon wegen Corona Hamsterkäufe erledigt hat, hat sich jetzt die Küchenschränke mit Erdnussbutter und Toastbrot vollgepackt, um für den „Ernstfall“ vorbereitet zu sein. Eine gute Bekannte im benachbarten New Jersey erzählte mir vorgestern, dass die Waffenverkäufe in ihrem Kreis in den letzten drei Monaten um 300 Prozent gestiegen sind.

Das Fitnessstudio ist nun eine politikfreie Zone, nachdem sich hier zwei Besucher geprügelt haben.

Freunde und Familie aus Deutschland schicken mir E-Mails und Textnachrichten mit der Bitte, ihnen zu erklären, warum die Hälfte der Amerikaner Trump unterstützt. Und ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe Freunde, Bekannte, einen ehemaligen Chef – Lehrer, Anwälte, Geschäftsführer großer Unternehmen – die sich durch kein Argument der Welt davon abbringen lassen, dass eine zweite Amtszeit Trumps das Beste sei, was den USA passieren könne.

Ich selbst wohne seit 13 Jahren in Huntington und habe vor vier Jahren, gleich nachdem Donald Trump ins Amt gewählt wurde, die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt mit dem Ziel, ihn am Dienstag dieser Woche wieder aus dem Amt wählen zu können. Ob das geklappt hat, weiß ich noch nicht. Und ich weiß auch nicht, wie viele Baldrianperlen ich brauchen werde, um es durch die nächsten Tage zu schaffen.

Alles ist ruhig, heute Morgen in Huntington, NY, und ich hoffe, dass meine Nachbarn und Freunde, Kollegen und Mitmenschen nach dem Motto von Abraham Lincoln handeln: „Whoever wins, we are not enemies, but friends.“ (Wir sind Freunde, nicht Feinde, egal, wer gewinnt).

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