Isselburg

Zeitungspredigt: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos

Diakon Michael Scholz

Sonntag, 4. Dezember 2022 - 06:00 Uhr

von Michael Scholz

Isselburg - Michael Scholz, der die heutige Zeitungspredigt geschrieben hat, ist Diakon der Katholischen Pfarrgemeinde St. Franziskus Isselburg.

© Sven Betz

Michael Scholz

Kritisch ist die Gesamtsituation, in der wir gerade leben. Wir stürzen quasi von einer Krise in die nächste: Kritisch war es zu Zeiten von Corona, überlagert wurde diese Krise dann vom unseligen Krieg in der Ukraine, durch den die Sorge um den Frieden plötzlich ganz nahegekommen ist, dann folgte der nahtlose Übergang in die Energiekrise. Und durch all diese Krisen hindurch war und ist es kritisch, was den sozialen Frieden in unserem Land angeht. Wir müssen mit Sorge darauf blicken, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet ist. Da wünsche ich mir doch hin und wieder einen Johannes und ich bin froh, dass es auch heute noch Johannesse gibt – innerhalb und außerhalb der Kirche. Das ist im Übrigen auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass es die Menschen gibt, die sich nicht scheuen, das, was gesagt werden muss, deutlich zu sagen, und die mit ihren Worten, die Menschen erreichen, in ihnen die Bereitschaft wecken, zunächst einmal zu hören. Das ist der erste Schritt auf dem Weg, zu dem der Advent uns aufruft: den Weg der Umkehr.

Wir sollen dem Herrn den Weg bereiten, wir sollen tun, was notwendig ist, damit er ankommen kann, ankommen mit seinem Herzensanliegen: Leben in Fülle für alle. Und egal, ob wir Christinnen oder Christen sind, egal, ob wir religiöse Menschen sind oder nicht, gleich welche kulturelle Prägung, welches ideologische Denken unser Leben bestimmt – wir können nicht leugnen, dass Leben in Fülle für immer mehr Menschen in immer weitere Ferne rückt. Für immer mehr Menschen stellt sich in diesem Jahr nicht die Frage, Gans oder Fondue an Weihnachten, denn die Preissteigerung bei Lebensmitteln macht solche Überlegungen überflüssig. Da heißt es für viele: schauen, irgendwie über die Runden zu kommen. Und auch die Frage nach Art und Umfang der Weihnachtsbeleuchtung stellt sich neu angesichts steigender Strom- und Energiepreise. Bei nicht wenigen Menschen geht es dann darum, wie kuschelig warm es sein wird.

Aber sollten sich diese Fragen nicht auch neu stellen für die, die sich die Gans nach wie vor problemlos leisten können, die nicht nur den einen Christbaum im Wohnzimmer erstrahlen lassen, sondern deren Häuser und Gärten blinken und leuchten, bei denen es nicht darum geht, die Heizung auf- oder abzudrehen, weil es kein Problem ist, alle Räume angenehm zu temperieren? Um das, was Johannes von seiner Zuhörerschaft gefordert hat, geht es zu allen Zeiten, auch heute: teilen, solidarisch sein, sich einsetzen für eine gerechtere und zukunftsfähige Gesellschaft und Welt. Und dafür reichen keine Lippenbekenntnisse, da müssen den Worten Taten folgen, da heißt es dann durchaus auch mal: Raus aus der Komfortzone! Und die Parallelen zwischen dem Hier und Heute und der Situation, die uns das Evangelium vor Augen führt, gehen noch weiter: Johannes steht in einer Wüstensituation. Und auch wir erleben Wüstenzeiten – ökologisch, gesellschaftlich und in unserer Kirche. Es geht heiß her. Die Lage ist ernst. Aber sie ist nicht hoffnungslos – wenn wir bereit sind zur Umkehr, zum Umdenken, wenn wir uns besinnen.

Das wünsche ich Ihnen, das wünsche ich uns allen.

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