Vom Hochleistungsrennpferd zum Pflegefall

Hamburg - Pferderennen sind nach Fußball die am besten besuchten Events in Deutschland. Auf den 22 deutschen Rennbahnen wurde 2016 ein Umsatz von 26 Millionen Euro gemacht. Doch für die Pferde bedeuten die Rennen oft viel Stress und Qualen.

Vom Hochleistungsrennpferd zum Pflegefall

Eines der Rennen beim Deutschen Derby in Hamburg 2017

Der Braune steht verschwitzt und vollkommen verängstigt hinter einer dichten Hecke. Er versucht verzweifelt das Gleichgewicht zu halten. Er schafft es nur kurz und bricht dann mit den Vorderbeinen zusammen. Eine Frau läuft weinend an dem hilflosen Tier vorbei. Es versucht noch aufrecht zu bleiben und sich gegen die Griffe der Menschen zu wehren, doch es ist hoffnungslos. Ein Anhänger fährt vor und das Pferd wird mit hochgehaltenen Planen aus dem Blickfeld der Zuschauer gebracht.

Das Pferd ist eines von vielen, die wegen schwerer Knochenbrüche noch direkt auf der Rennbahn getötet werden. Viele Menschen denken, Pferderennen seien sehr artgerecht für Pferde. Aber würde ein Pferd von Natur aus so rennen, dass es sich ein Bein bricht?

Diese Frage scheinen sich nicht viele zu stellen, denn Pferderennen sind nach Fußball die am besten besuchten Events in Deutschland. Auf den 22 deutschen Rennbahnen wurde 2016 ein Umsatz von 26 Mio. Euro gemacht.

Die Rennen sind nicht der Anfang der Qualen eines Rennpferdes. Für die Englischen Vollblüter fängt es als Jährlinge an. Da werden sie auf großen Veranstaltungen versteigert, wo gilt: je besser der Stammbaum, desto mehr Käufer gibt es für das Pferd.

Aspantau ist es mal genauso ergangen. Jetzt ist er 8 Jahre alt und bekommt sein Gnadenbrot bei Sabrina B. Er wurde mit vier Jahren wegen eines starken Sehnenschadens von dem Rennsport aussortiert.

Dr. Maximilian Pick (Fachtierarzt für Pferde) meint: „Pferde laufen mit 2 Jahren zum ersten Mal Rennen. Heißt, dass sie mit 1,5 Jahren angeritten werden. Das ist ohne jeden Zweifel viel, viel, viel zu früh.“ Das ist vergleichbar mit einem 7-jährigen Kind, das in einer Fabrik schwere Arbeit leisten muss. „Da würde auch jeder einsehen, dass das zu früh ist, aber bei den 1,5-jährigen Pferden ist das ganz legal“, so Pick.

Die Folgen der zu frühen Überbelastung lassen auch nicht lange auf sich warten. Typische Verletzungen sind Sehnenschaden und Magengeschwüre. Das Magengeschwür erklärt sich Pick durch den extremen Stress, dem die Pferde ausgesetzt sind. Er war mal Arzt auf den Rennbahnen, aber seitdem er Kritik an den Abläufen äußerte, war er nicht mehr gerne gesehen.

„Sehr viele von den Funktionären, von den Trainern und von den Jockeys behaupten ja, die Pferde laufen gerne. Da braucht man ja nur an die Startbox zu gehen. Da ist ein Gezerre und Geschiebe“, erzählt Dr. Pick. Aber warum ist das so? Pick meint: „Weil die Pferde Angst vor dem haben, was jetzt folgt.“ Die Pferde laufen nicht aus Spaß so schnell, sondern aus Angst. „Also, der Jockey ist es nicht, der die Pferde so schnell macht.“, sagt Pick dazu. „Je schneller ein Galopp ist, umso größer die Angst.“ Muss man einem Tier wirklich so viel Angst einjagen, damit wir uns vergnügen können?

Neun Pferde rennen in höchster Geschwindigkeit mit ca. 60-70 km/h über die Bahn. Ein falscher Schritt und alles ist vorbei. Es passiert sehr schnell. Eines der Pferde rollt über den Boden und schlägt mit dem linken Vorderbein auf. Der Knochen kann der Kraft des Schlages nicht standhalten. Als das Pferde aufstehen möchte, tritt es mit dem linken Vorderbein ins Leere.

Die körperlichen Verletzungen sind nicht das einzige, was die Tiere aus ihrem kurzen Leben als „Hochleistungssportler“ mitnehmen. „Also, er war psychisch total fertig.“, sagt Sabrina B. über Aspantau, „Er hat mit dem Kopf hoch und runter geschlagen und man musste richtig aufpassen, dass man sich nicht verletzt.“ Aspantau wurde dann sehr aggressiv und fing an, Menschen anzugreifen. „Es kam mir so vor, als wollte er sich jetzt an uns rächen für das, was ihm die ganze Zeit angetan wurde.“

Ausgebildete Rennpferde haben oft ein Trauma vom ständigen Stress, Höchstleistungen geben zu müssen. Sie stehen nicht normal, wie andere Pferde, 16 Stunden auf der Wiese. Rennpferde haben 1 Stunde am Tag Training und die restlichen 23 Stunden stehen sie im Stall. Da sie sich auf der Wiese verletzen könnten.

Sabrina B. stimmt diesen Umständen zu: „Aspantau musste die Pferdesprache, als er zu uns kam, erst mal lernen.“ Sie konnte es erst nicht begreifen, „Wie so ein junges Pferd schon so kaputt sei kann.“

Die Angst und der Stress sind nicht die einzigen Qualen. Den Pferden werden Seidenstrümpfe um die Zungen gebunden, die dafür sorgen, dass die Zungen der Pferde nicht in den Kehlbereich geraten und die Pferde dann beim Laufen ersticken. Kritiker sagen, dass den Pferden die Bänder um die Zungen geknotet werden, damit sie sich nicht gegen die schmerzhaften Gebisse wehren. Es gab auch schon Proteste gegen Zungenbänder und Peitschen. „ Wir brauchen die Peitsche“, sagt Jan A. Vogel (Direktorium für Vollblutzucht und Rennen), „zur Aufmunterung“.

Waren dann auch die Peitschenschläge, mit denen Dario Vargiu sein Pferd Isfahan beim Derby 2016 zum Sieg schlug eine „Aufmunterung“? Nein, er musste Strafgeld bezahlen, aber offensichtlich nur so viel, dass er es getrost in Kauf nehmen konnte.

Und was wird aus den Rennpferden? Diejenigen, die die Rennen überleben, werden als „Freizeitpferde“ verkauft. Mit den traumatisierten Hochleistungssportlern sind die meisten Hobbyreiter jedoch überfordert und verkaufen sie möglichst schnell wieder, bis die Reise meistens beim Schlachter endet. Manche Pferde haben das Glück und finden Besitzer wie Sabrina B., die ihnen noch eine Zukunft mit Pflege und Herz schenken. Für die vorherigen Trainer jedoch, sind die Pferde so etwas wie Sportgerät, die nach ca. 2 Jahren Karriere ihren Zweck erfüllt haben.

Anmerkung: Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts „Zeitung in der Schule“ an der Albert-Schweitzer-Rralschule entstanden. Die Artikel wurden von den teilnehmenden Schülern selber recherchiert und geschrieben.