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Marokkos WM-Helden reden vom Titel

Sonntag, 11. Dezember 2022 - 14:20 Uhr

von Ulrike John, Miriam Schmidt, Sebastian Stiekel und

© Tom Weller/dpa

Das Spektakel in den Straßen von Rabat schaute sich König Mohammed VI. aus der Ferne an. Am Telefon überbrachten Halbfinal-Gegner Emmanuel Macron und WM-Gastgeber Tamim Bin Hamad Al Thani dafür die „wärmsten Glückwünsche“ für diese wieder historische Leistung der Marokkaner bei der WM in Katar.

Das Mannschaftsfoto der Profis in den roten Trikots und grünen Hosen auf dem Rasen des Al-Thumama Stadions wird für immer in den Fußball-Geschichtsbüchern zu finden sein: Als erstes afrikanisches Team stehen die Löwen vom Atlas in einem WM-Halbfinale, gefeiert nicht nur in Afrika, sondern in vielen Teilen der arabischen Welt. Und der Trainer denkt bereits an den ganz, ganz großen Coup.

WM-Titel? Träumen erlaubt!

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„Warum sollten wir nicht davon träumen, eine WM zu gewinnen? Es kostet nichts, Träume zu haben“, sagte Walid Regragui nach dem Viertelfinal-Triumph gegen Portugal und Superstar Cristiano Ronaldo am Samstagabend in Doha. Nach nur acht Spielen als Nationaltrainer führt die Traumreise des Außenseiters den im französischen Corbeil-Essonnes geborenen 47-Jährigen nun ausgerechnet ins Halbfinale gegen Frankreich, das auch der französische Staatspräsident Macron in Katar verfolgen wird.

„In allen Ecken des afrikanischen Kontinents, der arabischen und der islamischen Welt hatten die Löwen Millionen Unterstützer hinter sich“, schrieb „Le Matin“ in Marokko.

Über eine Halbzeit lang hatte Regraguis Team die 1:0-Führung durch Youssef En-Nesyri (42. Minute) gegen den Ex-Europameister verteidigt. Auch dann noch mit unbändiger Leidenschaft, als die ersten Spieler mit Muskelkrämpfen kämpften. Jeden Befreiungsschlag, jedes gewonnenes Kopfballduell und jeden Ball ins Seitenaus feierten die Anhänger in Rot, jeden Pass der Portugiesen begleiteten sie mit ohrenbetäubenden Pfiffen. 

„Der Trainer hat in der Halbzeit nicht gesagt: Hoffentlich halten wir noch 45 Minuten durch. Sondern: Es sind nur noch 45 Minuten, um Geschichte zu schreiben“, erzählte Mittelfeldspieler Bilal El Khannous später.

Als alles vorüber war, da warfen Marokkos Spieler und Betreuer Regragui in die Luft, wie schon beim Sieg im Elfmeterschießen gegen Spanien zuvor. Mittelfeldspieler Sofiane Boufal legte mit seiner Mutter ein Tänzchen auf dem Rasen hin. Das Foto postete er später bei Instagram mit den Worten: „Gott gibt - Gott sei Dank.“ 

Marokko-Keeper „Spieler des Spiels“

Torwart Bono nahm später freudestrahlend und schon routiniert die Auszeichnung als „Spieler des Spiels“ entgegen. „Wir hatten Verletzungen, aber wir haben eine unglaubliche Leistung gezeigt“, sagte der Profi vom FC Sevilla. Strahlend fügte er während der Pressekonferenz hinzu: „Kneif mich, ich glaube, ich träume.“

Afrika und die WM - 2010 war Gastgeber Südafrika in der Vorrunde ausgeschieden. In einem WM-Viertelfinale standen bisher Kamerun 1990, Senegal 2002 und Ghana 2010 - aber Marokko toppt längst alle.

„Es ist sehr hart, uns zu schlagen. Das ist die Botschaft, die ich senden möchte“, sagte Regragui nach dem Triumph. „Es ist kein Wunder. Viele halten es für ein Wunder, vor allem in Europa. Das ist kein Wunder, das ist das Ergebnis harter Arbeit.“ Der 52-malige Nationalspieler Marokkos hat es als ehemaliger Abwehrspieler geschafft, dass seine Auswahl weiterhin mit nur einem Gegentor durchs Turnier marschiert - und das war ein Eigentor beim 2:1 gegen Kanada. Abdelhamid Sabiri, der in Frankfurt aufwuchs und schon für den 1. FC Nürnberg und SC Paderborn spielte, meinte: „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Hoffentlich geht’s so weiter.“

Marokkos Trainer: „Wir sind Rocky“

„Wir haben so viele Menschen auf der Welt glücklich gemacht“, sagte Regragui und fand einen Vergleich in einer Boxer-Legende, in einem berühmten Film gespielt von Sylvester Stallone: „Wir sind der Rocky dieser WM. Wenn man Rocky Balboa gut findet, dann wegen seiner Leidenschaft. Man muss träumen und daran glauben.“ 

Marokko musste allerdings auch einiges einstecken und kämpft mit Ausfällen. Noussair Mazraoui vom FC Bayern fehlte gegen Portugal krank, Nayef Aguerd von West Ham verletzt. Kapitän Romain Saiss von Besiktas Istanbul musste vom Rasen getragen werden. Der Ex-Dortmunder Achraf Hakimi, so der Coach, habe „sich schlecht gefühlt, aber er hat gekämpft“. In der hektischen Schlussphase sah der eingewechselte Walid Cheddira zudem Gelb-Rot. „Ich habe 26 Spieler. Wenn man  dieses Turnier gewinnen will, muss man an alle glauben“, erklärte Regragui. „Wenn einer verletzt oder krank ist, kommt ein anderer dafür rein. Ich hoffe, dass Mazraoui zurückkommt, er ist sehr wichtig für das Team.“


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