Bocholt

Historiker: „Schweigepakt“ im Fall Wehren

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            Historiker: „Schweigepakt“ im Fall Wehren

Volles Haus: 200 Interessierte hörten dem Historiker und Pastoralreferenten Michael Kertelge (stehend) in Barlo zu. FOTO: Stefan Prinz

von Stefan Prinz

Bocholt Mit einem so großen Interesse „habe ich nicht gerechnet“, erklärte am Montagabend der Theologe und Historiker Michael Kertelge vor rund 200 Interessierten im Barloer Saal Wissing-Flinzenberg. Ein Jahr lang hatte Kertelge zu den Taten des Sexualstraftäters Theo Wehren recherchiert. Er sei dabei auf ein Schweigebündnis gestoßen, in das vor knapp fünf Jahrzehnten das Bocholter Amtsgericht und die Bistumsleitung in Münster eingebunden waren, zeigte sich Kertelge überzeugt.

Bereits 1976 habe gegen den Priester wegen 20 gestandener Sexualstraftaten an Jungen vor dem Bocholter Amtsgericht prozessiert. Wehren war damals gerade ein Jahr in dem Bocholter Stadtteil tätig.

Der heute 90-jährige Richter des Falles habe Michael Kertelge kürzlich erklärt, dass der Jurist eine Vereinbarung mit dem Staatsanwalt getroffen habe „die Sache im Behördenbereich vertraulich zu behandeln“. Das bedeutet, so Kertelge: Niemand außer den unmittelbar am Prozess Beteiligten sollte von den Missbrauchstaten des Priesters erfahren. An diesem Tag wurden am Bocholter Amtsgericht keine weiteren Verhandlungen durchgeführt. So wollte man ausschließen, dass Theo Wehren zufällig jemanden auf dem Gerichtsflur begegnen konnte. Sogar das Schild am Saal mit den Prozessbeteiligten sei an diesem Tag entfernt worden. Und schließlich habe der Staatsanwalt das „sehr milde Urteil“ (ein Jahr auf Bewährung und 1000 Mark Strafe) persönlich zur übergeordneten Dienststelle nach Münster gebracht, damit keine Unbeteiligten Einblick in die Akten nehmen konnten: „Die betroffenen Kirchengemeinden wurden ebenfalls nicht informiert.“ Vor seiner Station in Barlo war Wehren in Selm/Recklinghausen tätig. Nicht informiert wurde auch das Kinderheim in Werne, aus dem sich Wehren regelmäßig seine Opfer zu Besuchen bei ihm holte.

Eine Ausnahme habe es bei der Informationsübermittlung allerdings gegeben: Die Leitung des Bistums in Münster sei im Zuge des Prozesses benachrichtigt worden. Auch von dort sei Theo Wehren Unterstützung zugesichert worden. Das milde Urteile hatte das Gericht damals mit „zölibatärem Notstand“ des Priesters und „fehlender Liebe im Elternhaus“ begründet. Außerdem habe Wehren erklärt, dass er die Taten jedes mal bereut habe – bevor er sich erneut an Jungen verging.

Ob Wehren eine Therapie wegen seiner pädophilen Neigungen angetreten habe, sei nicht bekannt, so Tergelte.

Von 1975 bis 2006 war Wehren Pfarrer in Barlo. In dieser Zeit habe es mindestens einmal einen Hinweis einer Frau an den Dechanten in Bocholt geben. Diese hatte erfahren, dass Wehren „mit Geschichten mit kleinen Jungs“ in Verbindung gebracht wurde. Nach einer Rücksprache des Dechanten mit dem Barloer Pfarrer habe dieser aber versichert, dass die Gerüchte falsch seien. Daraufhin hatte sich die Hinweisgeberin für die vermeintlich falsche Verdächtigung sogar bei Wehren entschuldigt.

Und was sagt die Bistumsleitung zu diesem Vortragsabend? „Grundsätzlich befürworten wir Veranstaltungsformate wie in Barlo. Es ist gut, wenn diese konkret an den Orten stattfinden, wo Täter gelebt haben“, so Bistumssprecherin Gudrun Niewöhner. Dabei sei es grundsätzlich begrüßenswert, wenn zu solchen Veranstaltungen Vertreter des Bistums Münster eingeladen werden. Das sei wohl für diesen Abend nicht geschehen. „Das Bistum hat in der Vergangenheit beim Umgang mit sexuellem Missbrauch viele Fehler gemacht“, räumt die Sprecherin ein. „Umso wichtiger ist, dass Verantwortliche des Bistums heute erfahren, was die Menschen vor Ort bewegt, und dass sie Gelegenheit bekommen, sachlich über die Aufarbeitung auf Bistumsebene zu informieren.“

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