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„Alles raushauen“: Löws Versprechen an die Nation

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Montag, 14. Juni 2021 - 12:56 Uhr

von Von Jens Mende, Klaus Bergmann und Arne Richter, d

dpa München. Nur drei - oder doch sieben EM-Spiele? Schon gegen Frankreich werden die Weichen gestellt, wie weit die letzte DFB-Mission von Joachim Löw reichen kann. Der Auftakt birgt Gefahren und Chancen zugleich.

Auf dem Weg Richtung München: Das DFB-Team ist bereit für den EM-Auftakt. Foto: Federico Gambarini/dpa

Mit einem Versprechen an die Nation und einer großen Portion Hoffnung legen endlich auch Joachim Löw und seine EM-Kicker los.

14 Jahre, neun Monate und 30 Tage nach seinem ersten Spiel als Bundestrainer führt der „ewige Jogi“ die besten deutschen Fußballer in das letzte große Event unter seiner Regie. „Ich gehe mit sehr viel Vorfreude und einem gesunden Optimismus in das Turnier“, sagte Löw der Deutschen Presse-Agentur.

„Alles raushauen, was wir brauchen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel und allen Fans von der Insel Rügen bis zu den Alpen hat der 61-Jährige vor dem Hammerstart in eine ganz spezielle Europameisterschaft am Dienstag (21.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) gegen den Topfavoriten Frankreich versprochen, „dass wir mit Stolz das Trikot tragen und alles raushauen, was wir brauchen“. Es klingt nach dem Erfolgs-Löw, der von 2008 bis 2016 bei allen Turnieren das DFB-Team mindestens bis ins Halbfinale führte und 2014 mit dem WM-Titel in Brasilien den großen Wurf geschafft hatte.

In den zweieinhalb Wochen Vorbereitung auf die um ein Jahr verschobene EM machten alle Protagonisten um die prominenten DFB-Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels deutlich, dass sie Löw einen erfolgreichen Abschied schenken wollen. „Es ist klar, jeder Einzelne muss das Maximale abrufen“, betonte Löw in der ARD: „Die Ansätze sind klasse. Man merkt, dass alle sprühen vor Ehrgeiz.“ Die erste Elf kristallisierte sich rasch heraus (siehe unten) Doch eine Überraschung ist bei Bauchmensch Löw nie ausgeschlossen.

Reichlich Zweifel und Fragezeichen

Als die beiden türkisfarbenen Teambusse mit der Aufschrift „Germany“ am Montag um 10.34 Uhr zur 190 Kilometer langen Fahrt von Herzogenaurach zum Spielort München abfuhren, waren aber reichlich Zweifel und Fragezeichen mit an Bord. Ist das erst nach Löws Umdenken kurzfristig formierte Team robust, effektiv und abgestimmt genug? Können die Rio-Weltmeister Hummels und Müller über zwei Jahre nach ihrer Verbannung auch gegen einen Topgegner das Team stabilisieren? Vermögen Toni Kroos und Ilkay Gündogan die mächtige Offensivpower der Franzosen schon im Mittelfeld körperlich resolut zu stoppen? Funktioniert die neue Dreier-Abwehrkette auch im großen Stresstest?

Löw geht bei seinem EM-Poker „all in“. Es muss im ersten Versuch klappen. „Frankreich ist absolut auf Top-Niveau“, unterstrich der Chefcoach: „In jeder Beziehung.“ Die Partie gegen die Topstars Kylian Mbappé, Antoine Griezmann oder N'Golo Kanté wird den weiteren Turnierverlauf maßgeblich bestimmen. „Nur wenn du es als Team angehst, kannst du eine Mannschaft wie die Franzosen erfolgreich bekämpfen“, mahnte Bayern-Star Joshua Kimmich. Löws Dilemma: Zieht er den Münchner wie erwartet auf die rechte Außenbahn, fehlt der 26-Jährige als bester Abräumer in der Zentrale. „So lange wir die Spiele gewinnen, ist mir das komplett egal“, sagte Kimmich.

Kein konkretes EM-Ziel Löws

Deutschland geht mit drei Titeln (1972, 1980 und 1996) sowie einer Bilanz von 28 Siegen und nur zwölf Niederlagen in den bisherigen 49 EM-Spielen als erfolgreichste Nation bei Europameisterschaften in das aktuelle Turnier. Nur Spanien hat ebenfalls dreimal den EM-Thron bestiegen. Löw will sich für sein achtes und letztes Turnier - er zählt den Confed-Cup-Sieg 2017 immer mit - nicht auf ein konkretes Ziel festlegen. „Im Hinterkopf“ sei aber immer, „dass wir ins Finale vordringen können“, verriet er.

Mehr denn je braucht das noch ungefestigte DFB-Ensemble bei der halben Heim-EM die Unterstützung der Fans. Zwar dürfen wegen der Corona-Pandemie bei den drei Gruppenspielen am Dienstag gegen Frankreich, am Samstag gegen Portugal und wieder vier Tage darauf gegen Ungarn nur je 14.000 Fans in die Münchner Arena. Doch wie die bisherigen EM-Spiele zeigten: Auch das beflügelt die Gastgeber.

„Da passiert etwas, da sind Emotionen da. Das hilft allen Mannschaften, die bei dem Turnier antreten - und uns zu Hause natürlich auch“, sagte Löw. Das unterstreicht auch die Statistik: Vier Spiele bestritt die DFB-Elf bei Heimturnieren in München, alle wurden gewonnen. „Wir freuen uns extrem auf die 14 000. Das ist etwas, was allen fehlt: die Anfeuerung vom Publikum, die Resonanz auf gute und schlechte Aktionen“, sagte Hummels im ZDF.

Nackenschläge hinterlassen Spuren

Natürlich hätten die Nackenschläge der letzten drei Jahre mit dem blamablen Vorrunden-K.o. bei der WM 2018, das 0:6-Desaster in Spanien und der 1:2-Blamage gegen Nordemazedonien Spuren hinterlassen, hat Hummels festgestellt. Doch die könne man auch positiv nehmen, „indem jeder gewarnt ist“. Der Dortmunder spürt jetzt: „Wir haben eine viel bessere Atmosphäre in der Mannschaft als 2018, viel mehr das Gefühl, dass alle an einem Strang ziehen.“ Und der 32-Jährige sieht sogar die Chance auf den Gruppensieg. „Wenn wir so spielen, wie wir es können, werden wir die Gruppe mit Sicherheit bestehen. Und nicht nur knapp.“

Der Glaube ist zurück, die Fans wieder von sich zu überzeugen. Das geht nur mit engagierten Fußball - und mit positiven Resultaten. „Es funktioniert nur mit 100 Prozent und absoluter Leidenschaft“, sagte Hummels: „Sonst reicht es auf dem Niveau nicht.“ Löw möchte nach 201 Länderspielen sein Amt an Nachfolger Hansi Flick übergeben. Das hieße: Nach dem Finale am 11. Juli in London. Dort wurde Deutschland vor 25 Jahren letzmals Europameister. Löw kennt aber auch die Gefahr, dass schon nach seiner 197. Partie Schluss ist. Er steht bei 194.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Frankreich: 1 Lloris - 2 Pavard, 4 Varane, 3 Kimpembe, 21 Hernandez - 6 Pogba, 13 Kanté, 12 Tolisso - 7 Griezmann - 19 Benzema, 10 Mbappé

Deutschland:1 Neuer - 4 Ginter, 5 Hummels, 2 Rüdiger - 6 Kimmich, 21 Gündogan, 8 Kroos, 20 Gosens - 7 Havertz, 10 Gnabry, 25 Müller

Schiedsrichter: Carlos del Cerro Grande (Spanien)

© dpa-infocom, dpa:210614-99-985635/3

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