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Fußball

Corona-Krise: Auf dem Transfermarkt „verschwimmt vieles“

Fußball

Freitag, 17. Juli 2020 - 13:23 Uhr

von Von Holger Schmidt, dpa

dpa Düsseldorf. Der Transfermarkt ist in Corona-Zeiten anders als sonst: Er beginnt später, er läuft länger und er hat vor allem seine ganz eigenen Regeln. Keine einfache Situation für Spieler, Vereine und Berater.

Sorgt sich um den Transfermarkt in Corona-Zeiten: Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV). Foto: Jürgen Fromme/firo Sportphoto/VDV/dpa

Millionenspiel mit komplett neuen Regeln: Normalerweise befände sich der Transfermarkt im Fußball nun in der heißen Phase, doch in Corona-Zeiten kommt er nur ganz schwer in Gang.

Vereine, Profis und Berater befinden sich in einem Schwebe-Zustand. Am Ende könnten für die bisher so verwöhnten Bundesliga-Profis weniger Geld und mehr Klauseln stehen. Spielern - vor allem aus unteren Klassen - droht Experten zufolge sogar vermehrt die Arbeitslosigkeit.

Selbst einige namhafte Profis sind seit dem 1. Juli ohne Verein. „Und das kann sich bis in den Oktober reinziehen. Oder sogar darüber hinaus“, sagt Spielerberater Jörg Neblung der Deutschen Presse-Agentur. Bis Oktober ist das Fenster diesmal offen, die Saison beginnt auch erst am 18. September und damit rund vier Wochen später als sonst. Was sonst Routine war, ist nun ungewohnt. „Vorher konntest du die Ablösesumme eines Spielers ziemlich genau bestimmen“, sagt Neblung, der rund 50 Profis aus allen Ligen betreut: „Nun verschwimmt vieles.“

Viele Berater wollen derzeit nicht oder zumindest nicht öffentlich reden. Sei es, weil sie vieles selbst nicht abschätzen können, oder um Taktiken und Meinungen nicht offenzulegen. Viele Vereine wissen wegen der offenen Zuschauer-Frage nicht einmal, welches Budget ihnen zur Verfügung steht. Und weil sie in der vergangenen Saison alle unerwartete Verluste gemacht haben, sind sie nun noch vorsichtiger. Bisher wurden erst zwei Spieler für achtstellige Summen verpflichtet - Leroy Sané für 49 Millionen Euro vom FC Bayern und Hee-chan Hwang für 15 Millionen von RB Leipzig. Und dieses Geld floss aus der Bundesliga heraus.

Dort müssten die Geldflüsse nun „erst einmal losgehen“, sagt Neblung: „Die Vereine haben ihr Schatten-Kabinett an interessanten Spielern erstellt. Aber viele warten ab, welche Spieler sie verkaufen.“ Im Endeffekt sei es „wie in jedem Jahr, nur etwas extremer“, meint Neblung: „Alle warten darauf, dass die Investoren-Clubs, die reichen Vereine und die Champions-League-Teilnehmer Geld in die Hand nehmen. Und dass das nach unten durchsickert.“

Unter den Spielern gibt es Zocker, die bis zum Schluss abwarten, aber auch viele, die baldige Sicherheit wollen und brauchen. Für das traditionelle Camp arbeitsloser Profis ab dem 3. August „spüren wir eine große Nachfrage“, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Die Spielergewerkschaft habe seit Monaten viele Fragen rund um die Themen Kurzarbeit, Gehaltsstundungen und Teilverzichte zu beantworten. Auch die Berater organisieren für ihre Klienten Heimtraining, Rechtsberatung und mehr.

Die nun neu geschlossenen Verträge enthalten zudem bisher unbekannte Klauseln. Statt bis zum 30. Juni laufen sie nun „bis zum Ende der Saison“, wann auch immer das sein mag. „Und einige Vereine denken gerade an Stufenverträge für unterschiedliche Szenarien“, sagt Neblung. Offenbar sind bis zu 40 Prozent Abschlag im Fall von Geisterspielen geplant und rund 20 Prozent bei einer Teilauslastung der Stadien. Auch die meisten Berater machten Abstriche bei ihrem Honorar. „Wenn die Spieler auf Geld verzichten, wäre es schwer erklärbar, warum die Berater das nicht tun würden“, sagt Neblung.

Bei den Spielern müssen sich manche trotz der schwierigen Gesamtsituation wenig Sorgen machen. „Junge, schnelle Außen oder echte Torjäger haben immer einen Markt“, sagt Neblung. Und unter den Vereinen gebe es sogar Gewinner: „In der 2. Liga zum Beispiel gibt es einen Verein, der gut planen kann, weil der Investor nicht gepeinigt ist von der Pandemie. Die wittern gerade Morgenluft.“ An wen er denkt, sagt Neblung nicht. Offenbar ist es der SV Sandhausen.

Dafür wird es vor allem für die Spieler unterhalb der 2. Liga schwierig, viele plagen aktuell Existenzängste. Man rechne dort „mit Kaderverkleinerungen sowie mit geringeren Gehältern bei Neuverträgen“, sagt Baranowsky. Er mahnt: „Eine Neueinstellung bei laufender Kurzarbeit ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn ein zwingender Grund vorliegt.“ Einige Regionalligisten haben dies prüfen lassen und offenbar die Genehmigung vom Arbeitsamt erhalten.

Insgesamt beobachtet die VDV „bei einigen Clubs aufgrund der schwierigen Finanzsituation die Tendenz zur Deprofessionalisierung“, erklärt Baranowsky: „Wo in der abgelaufenen Saison noch ein fest angestellter Spieler sechsmal die Woche trainiert hat, wird in Zukunft vielleicht nur noch ein bezahlter Feierabend-Kicker als Minijobber dreimal pro Woche trainieren.“

Das deckt sich mit Neblungs Erfahrung. In der Regionalliga stoße man auf Vereine, „die das Profitum zu den Akten legen und nur noch Halbprofitum leben wollen“, berichtet er: „Da werden Verträge angeboten, von denen man schwer leben kann. Manchmal reden wir von 800 bis 1200 Euro und ein bisschen Prämie dazu.“

© dpa-infocom, dpa:200717-99-829439/3

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