Mentalität gefordert: England will zurück nach Wembley

Von Von Nils Bastek, dpa

dpa Rom. Wann, wenn nicht jetzt? England geht als klarer Favorit ins EM-Viertelfinale gegen die Ukraine. Die Partie in Rom soll für die Three Lions nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zurück nach London sein.

Mentalität gefordert: England will zurück nach Wembley

Ist mit England in Rom gefordert: Three-Lions-Coach Gareth Southgate. Foto: Martin Rickett/PA Wire/dpa

Die Ausgangslage ist klar: England muss, die Ukraine kann. Nach dem historischen Sieg gegen Deutschland soll das Viertelfinale bei der Fußball-Europameisterschaft für die Three Lions am Samstag (21.00 Uhr/ARD und Magenta TV) nur eine Durchgangsstation sein.

Erst in Rom die ukrainischen Außenseiter schlagen, dann im Halbfinale gegen Dänemark oder Tschechien vor bis zu 60 000 Fans im heimischen Wembley-Tempel den Einzug ins Endspiel feiern - eine ganze Nation träumt bereits von der finalen Krönung in London am 11. Juli. Zumindest fast eine ganze Nation. Denn dem Trainer gefällt die Erwartungshaltung seiner Landsleute nur bedingt.

„Mentalität wird enorm wichtig sein“

Obwohl die Chance auf das Finale angesichts der Turnierkonstellation wohl so groß wie nie zuvor ist, spricht Gareth Southgate eine Warnung aus. „Es gibt die Wahrnehmung, dass wir nur antreten müssen und schon sind wir auf dem Weg. Aber wir müssen das Spiel auf die richtige Art und Weise vorbereiten. Unsere Mentalität wird enorm wichtig sein“, sagte der 50-Jährige vor dem Duell mit den Ukrainern. „Die Nachrichten und Glückwünsche nach dem Deutschland-Spiel waren großartig. Aber sie sind auch gefährlich, weil sie dir den Fokus nehmen können. Und wir brauchen diesen Fokus, um die Leistung abliefern zu können, die wir gegen Deutschland abgeliefert haben.“

Southgates Kernbotschaft: Die Fans dürfen ruhig träumen, seine Mannschaft nicht. Der Ex-Profi will unbedingt verhindern, dass seine Spieler letztlich wieder als Deppen dastehen. Bei der EM 2016 arbeitete Southgate zwar noch nicht als Trainer der Three Lions, aber der peinliche Achtelfinal-K.o. gegen Island (1:2) ist ihm natürlich noch in Erinnerung. Zwei Jahre später verpasste er bei seinem ersten großen Turnier als Nationalcoach knapp das WM-Endspiel, weil er mit den Engländern im Halbfinale nach Verlängerung gegen Kroatien ausschied. Diesmal will Southgate den Weg mit aller Macht zu Ende gehen.

Erstmals raus aus Wembley

Dass seine Mannschaft gegen die Ukraine erstmals bei diesem Turnier nicht im Wembley-Stadion antreten darf, sieht er sogar positiv. „Ich habe den Spielern gesagt, dass das jetzt eine fantastische Herausforderung für uns ist. Wir müssen raus aus Wembley, das Wetter wird wahrscheinlich heiß und kaum ein England-Fan im Stadion sein“, sagte der Coach.

Während beim 2:0 gegen die DFB-Auswahl über 40.000 fast ausschließlich englische Fans eine riesige Party gefeiert hatten, müssen die Three Lions im Olympiastadion in Rom auf die lautstarke Unterstützung ihrer Anhänger verzichten. Die UEFA stoppte den Ticketverkauf für Menschen aus Großbritannien, diese hätten bei ihrer Einreise nach Italien ohnehin für fünf Tage in Quarantäne gemusst. Die Sorge vor mehr Ansteckungen wegen der grassierenden Delta-Variante des Coronavirus ist auch in Italien groß.

England klarer Favorit in Rom

Unter den bis zu 16.000 Zuschauern werden daher nur Engländer sein können, die etwa in Italien leben. Trotzdem geht England als klarer Favorit ins Spiel. Zusammen mit den Dänen hatten die Ukrainer mit den wenigsten Punkten aller 16 Teams den Sprung in die K.o.-Phase geschafft. Und von diesen 16 Mannschaften hatte nur Portugal in der Gruppenphase mehr Gegentore kassiert. Nach dem späten 2:1-Sieg nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Schweden dürfte das Team des ehemaligen Weltklasse-Stürmers Andrej Schewtschenko zudem schneller an sein physisches Limit geraten. Eigentlich ist also alles klar, oder? Nein, findet Englands Abwehrchef Harry Maguire.

„Man hat schon bei vielen Spielen in diesem Turnier gesehen, dass dir wehgetan wird, wenn du nicht auf deinem Level spielst“, warnte der Kapitän von Manchester United. „Es geht nicht darum, gegen wen wir spielen. Jedes dieser Spiele ist groß. Wir haben noch nichts erreicht.“ Auch Kapitän Harry Kane sprach davon, erneut eine Leistung wie gegen Deutschland abzurufen, „um dann wieder nach Wembley kommen“ zu können. Die gewaltige Arena im Nordwesten Londons ist Heiligtum und Sehnsuchtsziel der Engländer. Vor 55 Jahren hatten sie im damals noch alten Wembley-Stadion bei der Heim-WM ihren ersten und einzigen Titel geholt. In diesem Jahr soll es endlich der zweite werden.

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