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Fußball

Pro und Kontra Löw: Neustart mit Altlasten oder Umbruch

Fußball

Sonntag, 1. Juli 2018 - 14:41 Uhr

von Von Klaus Bergmann und Jens Mende

dpa München. Die Fußball-Nation wartet auf ein Rauchzeichen aus Freiburg. Macht Löw den Weg für einen unbelasteten Neustart frei? Oder traut sich der ewige Bundes-Jogi zu, trotz erheblicher Altlasten den Umbruch und Aufbruch zu managen? Ein Für und Wider, das auch die Fans spaltet.

Die Zukunft von Joachim Löw ist offen. Foto: Ina Fassbender

Wer gewinnt, hat Recht und wird gefeiert. Wer verliert, gerät auch als hochdekorierter Weltmeistertrainer in Erklärungsnot und wird im Fußballgeschäft normalerweise gefeuert. Und Joachim Löw? Bei ihm wartet der DFB erstmal auf ein Rauchzeichen aus dessen Wohnort Freiburg.

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Einen Plan B auf der Bundestrainerposition gibt's nicht. Eigentlich müsste derjenige, der ein historisches Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft zu verantworten hat, den Weg für einen Neuanfang freimachen. Seit dem Tiefpunkt in Kasan gegen Südkorea wird in Deutschland eifrig über Löw diskutiert, mal emotional, mal sachlich. „Es braucht tiefgehende Maßnahmen und klare Veränderungen“, sagte der 58 Jahre alte Bundestrainer selbst nach der Rückkehr nach Deutschland. Müssten diese nicht bei der Hauptperson einsetzen? Was spricht noch für den ewigen Bundes-Jogi? Und was spricht für den Wechsel auf dem wichtigsten Trainerposten?

PRO

Ein erfolgloses Turnier wischt nicht zwölf gute Jahre aus

Vor dem Tiefpunkt in Russland führte Löw, der 2004 als Assistent von Jürgen Klinsmann beim DFB begann, die Nationalmannschaft inklusive des gewonnenen Confed Cups 2017 bei sechs Turnieren immer mindestens ins Halbfinale. 2014 erlebte auch er die persönliche Krönung mit dem WM-Titel in Brasilien. Löw bezeichnet sich selbst als Turniertrainer. 27 von 39 Partien hat er gewonnen, gerade acht verloren. Er weiß also eigentlich, wie gerade das Turniergeschäft funktioniert.

Der historische Misserfolg als Motivation

Auch Joachim Löw hatte es sich im Erfolg zu schön eingerichtet. Er wirkte bisweilen entrückt. „Über allem schwebt Jogi“, bemerkte mal sein Assistent Thomas Schneider. Der Aufprall beim Absturz in Kasan traf darum auch Löw brutal und unvorbereitet. „Wir sind am Boden zerstört“, sagte er. Aus dem größten Misserfolg als Trainer könnte er aber neue Motivation, neue Energie und die Bereitschaft zum Wandel ziehen. „Es gibt ja nicht nur einen Grund oder die einzige Sache, die zum Scheitern beigetragen hat“, sagte Löw: „Es gibt mehrere Gründe.“ Ist er bereit, sie ehrlich zu benennen und konsequent anzugehen, wäre dem Langzeit-Bundestrainer zuzutrauen, den WM-Unfall zu korrigieren.

Aus dem Spielerkreis kam keine Fundamentalkritik am Trainer

Auch ein paar Tage nach der Rückkehr aus Russland gibt es aus dem Spielerkreis keine Äußerungen, die einen Trainerwechsel anregen. Im Gegenteil: Löw solle „auf jeden Fall“ weitermachen, sagte Jérôme Boateng mit etwas zeitlichem Abstand der „Welt am Sonntag“. Mats Hummels betonte: „Es war das erste Mal, dass in Löws Trainerschaft etwas nicht so funktioniert hat.“ Dabei müssten wohl gerade einige etablierte Spieler fürchten, bei einem Neuanfang mit Löw womöglich Opfer eines dann zwingend nötigen personellen Umbruchs zu werden.

Das Potenzial der Mannschaft und das Spielermaterial

Das WM-Team verkaufte sich in Russland unter Wert. Spieler wie Kroos, Müller, Hummels oder Boateng haben nicht plötzlich das Fußballspielen verlernt. Junge Confed-Cup-Sieger wie Werner, Kimmich, Goretzka, Süle oder Brandt haben die Zukunft noch vor sich. Der im Trainingslager aussortierte Leroy Sané, ein Serge Gnabry oder neue Gesichter wie Augsburgs Linksverteidiger Philipp Max könnten dazustoßen. Dass Löw zum Entwickler taugt, bewies er 2017 mit seinen Confed-Cup-Bubis.

Bierhoff und der DFB könnten Löw jetzt wieder erden

Der DFB und vor allem Teammanager Oliver Bierhoff hätten die Chance, Löw jetzt wieder zu erden, wenn dieser seinen Vertrag (bis 2022) doch erfüllen will. Löw liebt den Bundestrainer-Job wie Angela Merkel den der Bundeskanzlerin. Löw müsste wieder härter arbeiten, der Stab um ihn herum müsste erneuert werden. Er braucht starke Assistenten an seiner Seite. Hansi Flick zurückzuholen, wäre eine Maßnahme. Flick war es, der etwa dafür sorgte, dass beim WM-Triumph 2014 Standards eine Waffe waren. Wenn schon der Cheftrainer bleibt, sollten um ihn herum Veränderungen erfolgen, die auch bei Löw neue Reize auslösen.

KONTRA

Das Vorrunden-Aus war kein Pech, sondern auch Löws Versagen

Keine Frage. Löw hat's bei dieser WM nicht hinbekommen. Es stand keine Einheit auf dem Platz. Er ignorierte Warnzeichen. Er setzte in der Vorbereitung das Leistungsprinzip außer Kraft. Seine Weltmeister funktionierten nicht. Alt und Jung harmonierten nicht. Die Problematik mit Özil und Gündogan schob er einfach von sich. „Die Mannschaft in diesen drei, vier Wochen in Form zu bringen, ist nicht gelungen. Ich muss mich natürlich auch selber hinterfragen“, sagte Löw. Die Antwort müsste eigentlich lauten: Löw macht den Weg für einen Neubeginn frei.

Der Neustart wäre belastet, ein Umbruch als Aufbruch nicht möglich

Löws Verdienste sind unbestritten. Er hat den deutschen Fußball befruchtet - und zugleich den Mythos der Turniermannschaft erhalten. Aber nach zwölf Jahren Löw braucht es frische Impulse. Keiner der 23 deutschen WM-Spieler hat jemals einen anderen Nationaltrainer erlebt. Ein Fehlstart in die neue Nations League am 6. September in München gegen Frankreich würde den Rucksack nur noch schwerer machen.

Ein neuer Trainer könnte einen unbelasteten Schnitt vollziehen

Özil? Gündogan? Khedira? Könnte Löw mit diesen Spielern den Neustart angehen? Wohl kaum. Und das nicht nur aus Leistungsgründen. Schon vor der WM deutete Löw das Ende der goldenen Weltmeister-Generation an. Aber Kroos (28), Müller (28), Boateng (29), Hummels (29), auch der schon 32-jährige Kapitän Neuer sind doch immer noch Topspieler. Ein neuer Chefcoach wäre völlig frei - gerade auch bei der Personalwahl.

Warum den Umbruch jemandem anvertrauen, der diesen verpasst hat?

Es ist nur zwölf Monate her. Ein „megastolzer“ Jogi Löw schlenderte mit dem Confed-Cup-Pokal durchs Stadion von St. Petersburg, errungen ohne die hochdekorierten Weltmeister. An diesem 2. Juli 2017 sagte Löw schmerzhaft einen Satz, der ein Jahr später anders klingt: „Im Spaß könnte ich sagen, wir müssen uns jetzt überlegen, welchen von den daheimgebliebenen Spielern wir zu diesem Team dazu nehmen.“ Den radikalen Schnitt traute er sich nicht. Egal, ob zurecht oder nicht.

Kein Weiter-so mit Löw, auch wenn die Alternative fehlt

Was wäre, wenn Jürgen Klopp (FC Liverpool) oder auch Thomas Tuchel (Paris Saint-Germain) gerade ungebunden wären? Dürfte Löw dann auch sozusagen ganz alleine über seine Zukunft entscheiden? Die auf den ersten Blick nicht erkennbare oder vorhandene Alternative darf kein Argument für ein einfaches Weiter-so sein. Fan-Liebling Rudi Völler spürte nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2004 sofort, dass er den Weg für einen unbelasteten Neustart Richtung Heim-WM 2006 freimachen musste: Trainer-Novize Jürgen Klinsmann, zusammen mit Löw. Und der Reformer Klinsmann war es, der zwei Jahre später seinen Assistenten Löw auf den Chefposten schob. Da erschien Löw auch als Notlösung.

Ein verlängerter Vertrag bis 2022 kann kein Hindernis sein

DFB-Präsident Reinhard Grindel war stolz. Bei der Bekanntgabe des WM-Kaders am 15. Mai in Dortmund war seine Nachricht des Tages die weitere Verlängerung des Vertrages mit Löw um weitere zwei Jahre bis zur WM 2022. Drei Assistenten und Manager Bierhoff freuten sich ebenfalls über ausgedehnte Laufzeiten. Eine Trennung von Löw und engen Mitarbeitern könnte für den Verband teuer werden. Aber der DFB lebt am Ende vom Nationalteam: Und Erfolge bringen frisches Geld.

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