Sportwelt

Ein Jahr nach Horror-Unfall: Die tödliche Gefahr in Spa

Motorsport

Freitag, 28. August 2020 - 12:33 Uhr

von Von Jens Marx, dpa

dpa Spa-Francorchamps. Momente des Innehaltens. Gedenkens. Der Trauer. Aber wenn der Motor startet, zählt das praktisch nicht mehr. Der Unfalltod von Anthoine Hubert und die Leidensgeschichte von Juan Manuel Correa wühlen die Motorsport-Gemeinde ein Jahr später in Spa dennoch wieder auf.

Das Wrack vom Rennwagen von Juan Manuel Correa wird 2019 geborgen. Foto: Remko De Waal/ANP/dpa

Über 20 Sekunden Vollgas. Nach der ersten Kurve geht's los. Durch die Senke, durch die Eau Rouge, den Berg hinauf mit 18 Prozent Steigung. Nach der Kuppe, der Fuß weiter auf dem Gaspedal. So nehmen Formel-1-Piloten einen der legendärsten Streckenabschnitte im Rennsport.

Waghalsig, verwegen - Mutprobe Spa-Francorchamps. Doch der Kurs birgt auch das Grauen des Motorsports. Vor 35 Jahren am 1. September 1985 starb nach einem Unfall in der Eau Rouge Stefan Bellof in einem Sportwagenrennen mit 27 Jahren. Vor einem Jahr am 31. August 2019 ließ der 22 Jahre alte französische Formel-2-Pilot Anthoine Hubert bei einem Horrorunfall nach der Eau Rouge sein Leben.

„Das war ein Tiefpunkt in der Karriere von allen, die im vergangenen Jahr dabei waren“, meinte Formel-1-Pilot Sebastian Vettel nun beim Großen Preis von Belgien. „Es wird uns noch mehr abverlangen, hier unsere Bestleistung abzurufen, aber wenn du erstmal im Auto sitzt, musst du an andere Sachen denken. Das macht es ein bisschen einfacher, man ist eher abgelenkt.“ Rennfahrer-Verdrängung.

Doch es fällt in diesen Tag in den Ardennen allen schwer, über das Geschehen vor einem Jahr zu reden. Allen voran Juan Manuel Correa. Der 21 Jahre alte US-Ecuadorianer ist zurückgekehrt an den Ort, der das Leben von Hubert so jäh beendete und das von Correa so einschneidend veränderte. Er war mit seinem Rennwagen in das bereits verunglückte Auto Huberts gekracht. Ein Trümmerfeld. Hubert starb, Correa wurde schwer verletzt.

„Anfangs habe ich ums Überleben gekämpft, dann war es ein Kampf ums rechte Bein.“ Noch immer trägt er ein Metallgestell um den rechten Unterschenkel. Er hofft, dass er es bis Ende des Jahres los wird. Dann will er zurück in den Rennwagen. Sein Renncomeback peilt er für das kommende Jahr an. Der Unfall damals habe ihm definitiv Angst gemacht, sagte er in Spa-Francorchamps. Die Leidenschaft habe der Crash ihm nicht genommen. Rennfahrer-Voraussetzung.

„Um ehrlich zu sein, vergisst du es schnell“, meinte Formel-1-Pilot Kevin Magnussen. Er hatte 2016 in Spa die Kontrolle über seinen Wagen ausgangs der Eau Rouge verloren und war mit dem Heck heftig in die Reifenstapel eingeschlagen. „Es war ja nichts passiert“, meinte er rückblickend.

Correa wird den Unfall nie vergessen. Auch nicht die Leidenszeit danach. „Ich hatte vier Monate permanent Schmerzen. Ich habe heftige Medikamente bekommen, war wie ein Roboter. Ich hatte keine Empfindungen mehr und habe vielleicht ein, zwei Stunden geschlafen in der Zeit“, erzählte Correa. „Und das Schwerste war, als ich aus dem Koma aufgewacht bin, es zu akzeptieren. Es war, als wärst du in einem Alptraum. Wir denken ja in der Szene immer, dass so ein Unfall nicht passieren kann.“

Er war passiert. Und ein Jahr danach kamen alle Erinnerungen wieder hoch. An der Stelle, wo Hubert verunglückt war, legte dessen guter Kumpel Pierre Gasly ergriffen Blumen nieder. „Das ist leider die Gefahr in unserem Sport. Es ist aber schwer zu akzeptieren“, sagte der französische Formel-1-Pilot von Alpha Tauri.

Correa ließ sich per Rollstuhl die Eau Rouge hochschieben, um am Ort des Schreckens inne zu halten. Es sei immer noch schwer für ihn, über Hubert zu reden, sagte er. „Er war so ein positiver Mensch“, erinnerte sich Correa, der womöglich in einem Jahr auch wieder nach der ersten Kurse auf dem Kurs in den Ardennen das Gaspedal durchdrücken, durch die Eau und dann den Berg hinaufrasen wird. Und sein Blick geht dabei wie bei allen Pilotinnen und Piloten auf dem Kurs auch in den Himmel.

© dpa-infocom, dpa:200828-99-343132/2

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