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Sportwelt

Jules Bianchi - „In unseren Herzen für immer ein Champion“

International

Freitag, 17. Juli 2020 - 07:52 Uhr

von Von Jens Marx, dpa

dpa Nizza. Er schaffte es nicht. Heute jährt sich der Tod des Formel-1-Piloten Jules Bianchi zum fünften Mal. In Ungarn beim Grand Prix wird nicht nur sein guter Freund Charles Leclerc an den Franzosen denken, dem viele große Erfolge zugetraut hatten.

Am 17. Juli 2015 starb Jules Bianchi in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Nizza. Foto: Valdrin Xhemaj/EPA FILE/dpa

Das monatelange Hoffen und Beten war vergebens. 25 Jahre, älter wurde Jules Bianchi nicht. Ein Rennfahrer, ein Formel-1-Pilot, dem nicht wenige eine vielversprechende Karriere prophezeit hatten. Einer aus der Ferrari-Schmiede.

Wenige Tage bevor das Schicksal eine grauenvolle Wendung genommen hatte, hatte er noch Fragen nach einer möglichen Zukunft bei der Scuderia beantworten müssen. „Natürlich“, sagte er damals selbstbewusst, aber keineswegs überheblich: „Es wäre doch ein logischer Schritt für mich.“

Es kam anders. Der Unfall in Suzuka wenige Tage nach diesen Aussagen am 5. Oktober 2014. Koma, Kampf gegen den Tod. Bianchi verlor ihn. Am 17. Juli 2015 starb er in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Nizza. Die Erinnerung bleibt.

Bianchi wäre jetzt in einem Top-Team und ein Rennsieger, schrieb jüngst Daniel Ricciardo in einem längeren Beitrag auf Twitter. Der australische Formel-1-Pilot kannte Bianchi. Sie fuhren als Teenager zusammen Kart und wurden Freunde. So wie Bianchi nicht nur Patenonkel des aktuellen Ferrari-Jungstars Charles Leclerc war, sondern auch ein enger, guter Freund. „Irgendwie ist es so, als würde Charles nun machen, was Jules gemacht hätte. Es ist so, als wäre Charles die verspätete Version von Jules“, meinte Ricciardo.

Wahrscheinlich hätte Bianchi ein Cockpit bei Ferrari noch mehr verdient gehabt, als er, meinte Leclerc neulich. „Ziemlich sicher“ sei er, dass Bianchi noch mehr gezeigt hätte als er selbst.

Bianchi wurde 2009 nach Testfahrten in die „Driver Academy“ von Ferrari aufgenommen. Nach einem Engagement als Ersatzfahrer bei Force India 2012 wurde der Südfranzose Stammpilot in der Motorsport-Königsklasse. Marussia, ein russisches Team mit Antrieben von Ferrari. Dennoch ein Hinterbänkler.

Eine kleine Sensation gelang Bianchi aber mit dem gnadenlos unterlegen Auto, als er Ende Mai 2014 beim Klassiker in Monte Carlo, dort, wo es mehr auf den Fahrer ankommt, als auf allen anderen Strecken, bis auf Rang neun vorfuhr und damit zwei Punkte ergatterte. „Es war einfach wunderbar“, sagte Bianchi damals.

Gut vier Monate später wurde er auf schlimmste Weise aus seiner wunderbaren Welt gerissen. Es war ein grauer Tag, Regen, so stark, dass das Rennen im japanischen Suzuka hinter dem Safety Car gestartet werden musste. In der 41. Runde kam der damalige Formel-1-Pilot Adrian Sutil von der Strecke ab. Als der Wagen des Gräfelfingers an einem Bergungskran hing, kam Bianchi ebenfalls vor Kurve sieben von der Strecke ab - und raste unter den Kran.

Die Wucht des Aufpralls mit 126 Stundenkilometern war fast unvorstellbar: Wie aus einem Zwischenbericht des Internationalen Automobil-Verbandes FIA hervorgegangen war, krachte Bianchi mit seinem Kopf mit 254 g - dem 254-fachen Gewicht des Kopfes mit Helm - gegen den Bergungskran. „Es ist so, als hätte man das Auto aus 48 Meter Höhe auf den Boden fallen lassen. Ohne Knautschzone“, hatte damals FIA-Sicherheitsexperte Andy Mellor dem Fachmagazin „auto motor und sport“ gesagt.

Auch wenn kaum jemand zunächst wusste, was genau passiert war und wie es Bianchi ging - mit jedem Moment im Fahrerlager wurden das Entsetzen, der Schock und die Angst um das Leben des Piloten spürbarer. Dass es Bianchi traf, war umso tragischer, als dass die Familie nicht zum ersten Mal mit dem Grauen des Motorsports konfrontiert worden war.

Bianchis Großvater Mauro verunglückte 1968 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans und erlitt schwere Brandverletzungen. Dessen Bruder Lucien - Jules' Großonkel - gewann damals den Klassiker, starb aber ein Jahr danach bei Testfahrten in Le Mans. Das alles hatte Jules Bianchi, geboren am 3. August 1989, nicht von einer Karriere in der Formel 1 abhalten können. „Er war ein sehr bodenständiger, herzlicher junger Mensch. Ich glaube, er hatte noch einen großen Weg vor sich“, erinnerte sich einmal Sebastian Vettel an den Franzosen.

Vettel, Lewis Hamilton, Nico Rosberg und noch viele weitere Piloten kamen damals im Juli 2015 zur Beerdigung ihres ehemaligen Kollegen wenige Tage vor dem Großen Preis von Ungarn. Dort, wo auch am kommenden Wochenende gefahren wird. Dass die Autos mit dem Cockpitschutz Halo ausgerüstet sind, war eine der Konsequenzen des Unfalls. Bianchis Startnummer 17 wird zudem nicht mehr vergeben.

„Er wird in unseren Herzen für immer ein Champion bleiben“, sagte der damalige Ferrari-Testfahrer Jean-Éric Vergne bei der Trauerfeier in der Cathédrale Sainte-Réparate in Bianchis Geburtsort. Auf dem Sarg lag Bianchis Helm. „Der Tod von Jules ist zutiefst ungerecht“, sagte der Priester und beendete die Zeremonie mit einem emotionalen Aufruf: „Jules konnte nie auf ein Formel-1-Podium steigen, also bitte ich Sie jetzt darum, ihm zu applaudieren.“

© dpa-infocom, dpa:200717-99-824430/2

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