Sportwelt

Speerwerfer Johannes Vetter: Am Anfang flog der Schlagball

Olympia

Montag, 2. August 2021 - 11:36 Uhr

von Von Ulrike John, dpa

dpa Tokio. Johannes Vetter ist die größte Hoffnung der deutschen Leichtathleten in Tokio. Vier Jahre nach dem Coup von Thomas Röhler in Rio müsste Speerwurf-Gold eigentlich an den Offenburger gehen - sagt auch der Olympiasieger von München 1972.

Johannes Vetter zählt zu den besten Speerwerfern der Welt. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

In der Grundschule war Johannes Vetter „ein begnadeter Schlagballwerfer“, beim Wandern schmiss er gerne Tannenzapfen auf seinen Papa. So fing alles an mit seiner Leichtathletik-Karriere.

Einen antiken Speerwerfer ließ er sich vor zehn Jahren auf den Rücken tätowieren, später kamen die olympischen Ringe hinzu. In Tokio soll nun Gold um seinen Hals hängen wie bei seinem WM-Triumph 2017 in London. Der 28-Jährige aus Offenburg geht als Topfavorit in den Wettbewerb - und hatte genügend Zeit, sich mit dieser Drucksituation anzufreunden.

Vetter führt Weltbestenliste deutlich an

Wenige Tage vor seinem Auftritt in der Speerwurf-Qualifikation am Mittwoch (03.05 Uhr MESZ) lag Vetter bei einer Video-Pressekonferenz entspannt im Bett im Trainingslager in Miyazaki. Von Stresssymptomen (noch) keine Spur vor dem Finale am Samstag: „Ich hab' einfach nur Riesenbock drauf.“ Die Qualifikation? „Das Ziel ist, dass ein Wurf reicht.“ Mit angezogener Handbremse werde er da aber nicht antreten.

Der Olympia-Vierte von 2016 führt die Weltbestenliste mit 96,29 Metern deutlich an und war auch im vergangenen Jahr der herausragende Werfer. „Ich tue gut daran, mich auf mich selbst zu konzentrieren, damit bin ich immer gut gefahren“, antwortete Vetter auf die Frage nach seinen Konkurrenten. „Ich weiß genau, was ich kann und was ich drauf habe.“ Er habe es selbst in der Hand, wie viel Druck er zulasse „und wie viel ich generell von außen an mich heranlasse“.

Vor Tokio hat der gebürtige Dresdener eine Serie von 19 Siegen aufzuweisen. Der WM-Dritte von 2019 übertraf zwischen Ende April und Ende Juni sieben Mal nacheinander die 90-Meter-Marke, haderte aber zuletzt mit dem Anlaufbelag bei den Meetings in Gateshead und Thum. In Tokio liege aber der professionellste Belag, den es gebe. Vetter, der 2018 seine Mutter durch eine Krebserkrankung verloren hat, ist gelassener geworden und sichtlich gereift. „Ich bin durch
viele Täler gegangen und wüsste auch im Worst Case mit einer Niederlage umzugehen.“

Verlassen kann sich Vetter auch auf seinen Heimcoach Boris Obergföll (ehemals Boris Henry). Der 47-Jährige verhalf nicht nur Vetter, sondern auch schon seiner späteren Ehefrau Christina (2013) sowie Matthias de Zordo (2011) zu WM-Titeln. „Den Leistungspunkt an dem einen Tag zu treffen, das ist das Schwierige“, sagte der Bundestrainer.

Röhler drückt Vetter die Daumen

Geschafft hat das schon der derzeit verletzte Thomas Röhler aus Jena, der vor vier Jahren in Rio de Janeiro Gold eroberte. „Ich drücke ihm definitiv die Daumen. Ich hoffe, dass wir einen spannenden Wettkampf sehen und Johannes seiner Favoritenrolle sportlich und mental gerecht werden kann“, sagte Röhler der „Thüringer Allgemeine“ über seinen sportlichen Rivalen.

„Fetter Wurf für fettes Olympia-Gold - wär' doch was!“, sagte Vetter kürzlich grinsend - und meinte wohl eher: „Vetter Wurf für vettes Olympia-Gold.“ Er wäre der vierte deutsche Männer-Olympiasieger in dieser Disziplin nach Gerhard Stöck 1936 in Berlin, Klaus Wolfermann 1972 in München 1972 und Röhler.

„Ich hoffe, dass er seine Leistung bringen kann, dann dürfte dem nichts im Wege stehen. Er ist der Topfavorit, ohne Zweifel“, sagte der 75-jährige Wolfermann der Deutschen Presse-Agentur über Vetter. Er sehe nur ein „kleines Aber“: „Olympische Spiele haben ihre eigenen Gesetze. Normalerweise dürfte nix passieren, Johannes ist körperlich und geistig so fit.“

Mit seinem deutschen Rekord von 2020 (97,76 Meter) kam Vetter sogar dem 25 Jahre alten Weltrekord des Tschechen Jan Zelesny (98,48) ganz nah. So spektakulär wie seine Weiten sind meist auch seine Würfe: Jeder Versuch des Olympia-Favoriten endet quasi mit einer Bauchlandung. „Er müsste sich nicht hinwerfen, aber ab einer gewissen Position kann er sich nicht mehr abfangen“, erklärte Obergföll.

© dpa-infocom, dpa:210802-99-664451/2

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