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Sportwelt

Vettel: Auszeiten von der Formel 1 immer wichtiger

Motorsport

Dienstag, 26. November 2019 - 07:08 Uhr

von Interview: Jens Marx, dpa

dpa Abu Dhabi. Wofür wird es höchste Zeit für Sebastian Vettel? Fühlt er sich mit 32 Jahren als Auslaufmodell? Hat er schon über ein vorzeitiges Karriereende nachgedacht. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur gibt Vettel Antworten.

Achtet auf eine gute Work-Life-Balance: Ferrari-Pilot Sebastian Vettel. Foto: Nelson Antoine/AP/dpa

Abschalten, Auszeit nehmen. Sebastian Vettel braucht auch das Leben außerhalb der Formel 1, in der er mit vier WM-Titeln zu den erfolgreichsten Piloten der Geschichte zählt.

In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der 32-Jährige über die Vergänglichkeit von Ruhm und Erfolg, über Zeitgeist, zeitlose Werte, Zeitverschwendung, seine fünf Jahre bei Ferrari und eine Zeit danach.

Wie vergänglich sind Ruhm und Erfolg?

Sebastian Vettel: In einer Welt, in der alles so schnelllebig ist wie heutzutage, vergeht beides auch sehr schnell.

Ist diese Schnelllebigkeit für Sie Gräuel oder Genuss?

Vettel: Ein Genuss einerseits, weil es in dem, was ich mache, darum geht, schnell zu fahren. Außerhalb des Autos ist es eher ein Gräuel. Es gibt sehr viele Dinge, hinter denen ich nicht stehe. Ich kann mich zum Beispiel nicht damit nicht anfreunden, wenn so schnell Urteile gefällt oder Dinge so schnell vergessen werden.

Wie wichtig sind Auszeiten?

Vettel: Sie sind sehr wichtig und werden immer wichtiger für mich. Ich denke, dass sich jeder dabei selbst ertappen kann, dass mit der Zeit, auch wenn alles immer einfacher und effizienter wird, man weniger Zeit für sich hat. Deswegen ist wichtig, für Auszeiten zu kämpfen.

Wie sehen Auszeiten bei Ihnen aus? Muss das ein Tag oder kann das auch mal ein kurzer Moment sein?

Vettel: Es geht weniger um die Zeit an sich, sondern um die Fähigkeit, sich in dem Moment oder in den Phasen wirklich von etwas abzukapseln. Einfach etwas anderes machen und rauszukommen aus dem Rad, in dem man sich normalerweise dreht.

Was ist 'das andere' in Ihrem Fall zum Beispiel?

Vettel: Raus aus dem Umfeld, das heißt: auch keinen Kontakt - in Anführungszeichen - mit und zu den Leuten, die man damit verbindet. Das gelingt mir ganz gut, wenn ich zuhause bin. Da gibt es wie bei jedem anderen auch mal die Alltagsprobleme, bei denen einem es nicht sehr schwer fällt, auf andere Gedanken zu kommen.

In welchen Momenten hätten Sie die Zeit gern zurückgedreht?

Vettel: In eigentlich keinen, weil ich schon auch glaube, dass es gut ist, dass es immer weiter vorwärts geht, man mit der Zeit geht. Dinge nicht so macht, wie und weil man sie schon immer so gemacht hat. Dass man sie hinterfragt. Es wäre indessen nicht gut zurückzugehen. Hätte man die Möglichkeit, würde das Vorwärtskommen ins Stocken geraten.

Und das Gefühl, mal schneller nach vorne zu kommen und die Zeit vorzuspulen?

Vettel: Ja, hatte ich. Ich glaube, das ist das, was uns alle antreibt - gerade in unserem Sport. Dass man den Glauben hat und die Hoffnung, Dinge voranzutreiben, sie schneller und besser zu machen als die anderen. Ob dass dann immer so klappt, ist die andere Frage.

Im Duden heißt es zum Begriff Zeitgeist: Für eine bestimmte geschichtliche Zeit charakteristische allgemeine Gesinnung, geistige Haltung. Wie würden Sie den Zeitgeist ihrer Generation oder den Zeitgeist heute beschreiben?

Vettel: Meine Generation ist ja schon eine vor dem Zeitgeist von heute. Es ist eher die Millenniums-Generation, die in aller Munde ist. Generell stellt sich Frage: Was beeinflusst diese Generation? Medien, soziale Netzwerke, Konsum in vielerlei Hinsicht. Ich glaube, dass wir einen Punkt erreicht haben, der nicht mehr für alle gesund ist und nicht mehr zu unserem Wesen passt. Ich halte es nicht für gesund und auch nicht erstrebenswert. Die ständige Reizüberflutung macht einen nicht glücklich. Das Tempo, das wir alle gehen, ist extrem hoch. Ich glaube, dass wir für dieses Tempo nicht gemacht sind. Und ich glaube auch, dass man nicht ewiges Wachstum erreichen kann. Wir haben nur einen Planeten, das heißt eine Charge an Ressourcen, die man aufbrauchen kann. Irgendwann ist Stopp. Die Kunst wird sein, sich so schnell weiterzuentwickeln, dass man es schafft, den Lebensstandard zu halten und nachhaltig zu verbessern, nicht nur für sich selbst, sondern für alle. Und dass man sich andrerseits bewusst gewissen Dingen entzieht und manches bremst. Wenn alle nur weiter aufs Gas treten, geht es irgendwann nicht mehr weiter.

Welche Werte sind für Sie zeitlos?

Vettel: Respekt, Ehrlichkeit, Anstand, Empathie. Wir werden immer miteinander zu tun haben als Menschen, egal in welcher Umgebung. Im Alltag, im Beruf.

Sie sind jetzt rund zwölf Jahre dabei: Sind das Werte, die in der Formel 1 abgenommen haben, gleich geblieben sind oder sich verstärkt haben?

Vettel: Das ist schwer zu sagen. Einerseits ist auch die Formel 1 ein Spiegel der Gesellschaft. Andererseits kann man das über jede Sportart und jedes Geschäftsgebiet sagen. Zugenommen? Ich glaube nicht. Abgenommen? Ich weiß es nicht. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist meine Wahrnehmung auch anders: Ich habe vor zehn Jahren als Anfang Zwanzigjähriger viele Dinge nicht so wahrgenommen wie heute. Die eigene Wahrnehmung hat sich mehr verändert als das Umfeld.

Wofür wird es bei Ihnen höchste Zeit?

Vettel: Mit Ferrari zu gewinnen.

Was ist die drängendste Aufgabe unserer Zeit?

Vettel: Erstmal zu verstehen, was unser Platz ist und wie wir verantwortungsbewusst mit unserem Planeten umgehen, so dass künftige Generationen genauso ihr Leben darauf genießen können, wie wir es tun.

Was entgegnen Sie denen, die ein bisschen verwundert darauf reagieren, wenn ein Formel-1-Pilot, der von Berufswegen zum Beispiel viel reisen muss, sich für den Umweltschutz einsetzt und sogar schon Plastikflaschen im Fahrerlager aufgesammelt hat?

Vettel: Damit muss und damit kann ich leben. Es steckt halt in den Köpfen mancher Menschen fest, die sich dann fragen: Warum soll ich jetzt nicht mehr aus Plastikbechern trinken, weil der das sagt, ansonsten aber viel in der Gegend rumfliegt. Wir müssen aber weg von dieser Haltung und dahinkommen, dass sich jeder fragt, welchen Beitrag er selbst leisten kann. Es geht vor allem darum, sich des Themas einfach bewusst zu werden, es in die Köpfe überhaupt reinzubekommen. Wenn jeder ein bisschen verändert, erreicht man in der Gesamtheit eine große Veränderung.

Was sind denn fünf Ferrari-Jahre - in Anführung - im echten Menschenleben?

Vettel: Dafür bin ich jetzt noch zu jung, dass ich das abschließend beurteilen kann und zu tief drin. Wenn jemand mit Leidenschaft seinen Beruf verfolgt, sind das genauso fünf Jahre wie bei mir. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass mir fünf Jahre geraubt wurden. Im Gegenteil: Ich bin sehr dankbar und ich habe sehr viel dazugelernt in den vergangenen fünf Jahren. Wir sind als Team gereift. Ich hoffe nur - dass es nicht noch fünf Jahre dauert, bis wir ernten können.

Fühlen Sie sich mit 32 Jahren bei der nachrückenden Generation und die jeweils 22 Jahre alten Charles Leclerc und Max Verstappen manchmal als Auslaufmodell?

Vettel: Nein. Sicher nicht! Ich glaube, das Alter ist nicht so entscheidend und wichtig bei uns wie in manchen anderen Sportarten. Aber letztlich ist es auch in jeder Sportart so: Wenn man gut genug ist, ist man auch noch jung genug. Umgekehrt gilt: Wenn man gut genug ist, ist man nicht zu jung.

Mick Schumacher hat jüngst gesagt, dass Sie für ihn das seien, was sein Vater Michael (50) für Sie war. Machen solche Aussagen auch noch mal bewusst, dass man sich in einer etwas vorgerückten Etappe der Karriere befindet?

Vettel: Ja, aber ich glaube, dass ich das ohnehin weiß. Es ist aber natürlich auch schön, so etwas von Mick zu hören. Ich bin jetzt zwölf Jahre in der Formel 1 und habe daher einen ganz anderen Erfahrungsschatz als früher. Man bewertet Dinge mit ein bisschen mehr Abstand und fällt nicht so schnell ein Urteil. Es ist der Luxus, den man hat, wenn man ein paar Jahre auf dem Buckel hat.

Was ist Zeitverschwendung für Sie?

Vettel: In erster Linie etwas zu machen, von dem man nicht überzeugt ist und hinter dem man nicht steht. Zweitens, und das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart: Sich mit Menschen zu umgeben, die eine ganz andere Einstellung haben zum Leben. Und Fliegen, Fliegen ist auch Zeitverschwendung.

Ist Rennfahren ohne Siegen auch Zeitverschwendung?

Vettel: Es kommt immer auf die Situation an. Wenn man beispielsweise als Team siegen kann und nicht siegt, dann vielleicht ja. Dann kann man mit Sicherheit etwas besser machen.

Gab es schon einen Zeitpunkt, an dem Sie über ein vorzeitiges Karriereende nachgedacht haben?

Vettel: Noch nicht konkret. Und ich habe auch nicht vor, in absehbarer Zeit zurückzutreten, mir macht das Rennfahren sehr viel Spaß. Ich glaube aber, dass es normal ist, dass man zu einem Zeitpunkt in der Karriere wie bei mir nun nach zwölf Jahren, gedanklich auch mal versucht vorzuspulen und sich überlegt, was danach kommen kann. Ich finde es wichtig, sich frühzeitig Gedanken zu machen. Ich finde es nicht gut, wenn man mit etwas aufhört, das so lebensbestimmend war und dann keinen Plan hat, wie es weitergehen soll. Ob der Plan auch der ist, den man umsetzt, ist eine andere Sache.

In welche Richtung gehen denn ihre Plan- und Gedankenspiele für eine Zeit nach der Formel-1-Karriere?

Vettel: Ich habe viele Ideen im Moment, manches hat etwas mit dem Rennfahren zu tun, was ja auch naheliegt. Es wäre der leichte Weg: Hier kenne ich mich aus, das ist meine Umgebung, hier kenne ich Leute, und hier kann ich relativ schnell etwas entwickeln und bewegen. Es sind aber auch Dinge dabei, die gar nichts mit dem Rennfahren zu tun haben. Dinge, die man über Jahre schon nachverfolgt und für die man dann mehr Zeit hätte.

Was wäre der perfekte Zeitpunkt für ein Karriereende?

Vettel: Wenn man selbst und für sich bestimmen kann: Ich höre auf. Dazu zählt auch, dass man sich wohlfühlt mit der Entscheidung und sagen kann: Jetzt war es genug. Nicht perfekt ist der Zeitpunkt, wenn er von außen diktiert wird. Der beste Indikator ist immer, wenn es Sportler schaffen abzutreten und sie allen in guter Erinnerung bleiben. Für mich ist klar: Wenn ich einmal aufhöre, dann höre ich auf und komme auch nicht mehr zurück. Man muss einfach glücklich sein und sagen können: Das war's.

Zur Person: Sebastian Vettel (32) gewann mit Red Bull von 2010 bis 2013 viermal die Formel-1-Weltmeisterschaft. Der Hesse wechselte zur Saison 2015 zu Ferrari. In diesem Jahr scheiterte er erneut beim Versuch, auch mit der Scuderia den Titel zu holen. Sein Vertrag endet nach der Saison 2020. Vettel wurde in Heppenheim geboren, lebt mit seiner Familie aber seit einiger Zeit in der Schweiz.

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