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Alles auf analog: „The Neon“ von Erasure

Musik

Mittwoch, 26. August 2020 - 06:11 Uhr

von Von Thomas Bleskin, dpa

dpa Berlin. Die vielzitierte Rückbesinnung auf die Wurzeln wird Künstlern oft als Ideenlosigkeit angekreidet. Für Erasure gilt das nicht. Mit „The Neon“ erobert sich das Duo sein höchsteigenes Spielfeld zurück.

Vince Clarke und Andy Bell (r) - seit 35 Jahren Erasure. Foto: Phil Sharp/Mute/Rough Trade/dpa

Wenn von typischen 80er-Jahre-Bands die Rede ist, fällt nicht selten der Name Erasure. Nicht nur, weil sich das britische Duo zur Mitte jener Dekade gegründet hat, sondern auch, weil es ihren Sound mitgeprägt hat.

Das Genre Synthiepop durchlebte seither viele Höhen und Tiefen. Auch Erasure hatten sich das ein oder andere Mal von ihrer Kernkompetenz abgewandt. Auf dem neuen Album „The Neon“ machen sie nun wieder das, was sie am besten können - zumindest was die Instrumentierung angeht.

Keyboarder Vince Clarke zeigt wie in alten Zeiten, dass es trotz unendlicher digitaler Möglichkeiten heutzutage nur wenige der früher so kostbaren analogen Tonspuren braucht, um das groovende Gerüst für einen schillernden Popsong zu bauen. Aber genau da liegt leider auch schon der Haken bei „The Neon“: Nicht ein einziger Titel des neuen Albums reicht melodisch an die ausufernde Grandezza vieler - nicht aller - der früheren Singles heran.

Nicht dass „The Neon“ lieblos klingen würde, nein. Sorgsam ausgefeilt sind die Tracks allemal. Was fehlt, sind die großen, unerwarteten Aha-Momente, die Clarke und Frontmann Andy Bell auch in den Nuller- und Zehner-Jahren immer mal wieder erschaffen haben - als Beispiele seien „Breathe“, „Fill Us With Fire“ oder „Love You To The Sky“ genannt.

Natürlich haben sich die Hörgewohnheiten verändert im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Die Möglichkeit, mit Überproduktion so manch schwächelnden Refrain zu retten, wird in nahezu allen Genres von Rock bis EDM genutzt - wie etwa bei Alan Walkers Single „Alone“, bei der sage und schreibe 200 Einzelspuren zusammengemischt wurden. „Was verrückt ist“, wie der britisch-norwegische Produzent selbst zugibt.

Wenn eine Band wie Erasure sich aber dem Gegenteil dieser Arbeitsweise verschreibt und den charmanten Minimalismus der frühen 80er einfangen will, dann müssten eigentlich auch die Songs groß sein. Wie das geht, haben Erasure bis zur Mitte der 90er regelmäßig und auch danach noch einge Male vorgemacht.

Die Fans werden mit „The Neon“ wohl dennoch zufrieden sein. Die einen, weil Andy Bell in seinen Texten noch viel mehr als früher offen queere Themen anspricht; die anderen, weil Clarke die Sequencer geschickt mit jenen Sounds füttert, die schon seine Arbeit bei Depeche Mode, Yazoo oder The Assembly so unverwechselbar gemacht haben. Viele werden auch beides lieben.

Dazu kommt eine ungeheuer stark ausgeprägte Band-Identität, für die das Duo seit jeher von seiner Anhängerschaft bewundert wird: Bell, der augenzwinkernde Paradiesvogel mit der Multi-Oktaven-Stimme, und Clarke, das stoisch dreinschauende Knöpfchen- und Regler-Genie, das obendrein auch noch auf der Westerngitarre glänzen kann, wenn es drauf ankommt.

Das neue Album mag kein Meilenstein sein wie seinerzeit das Debüt „Wonderland“ oder die „Wild!“-Platte von 1989, und das muss sie auch gar nicht. Erasure sind in den 80ern einem Klangmuster gefolgt, das den Pop und Soul der Sixties mit dem unterkühlten Instrumentarium der Düsseldorfer Elektronik-Szene vereinte. Eine Spielweise, die umso mehr Expertise erfordert, je einfacher und beschwingter sie am Ende klingen soll.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum Erasure als eine der typischsten 80er-Gruppen gelten - weil es zwar etliche Nachahmer gab, aber nur ganz wenige dem Gespann Bell/Clarke das Wasser reichen konnten. Und wenn im Jahr 2020 mit „The Neon“ ein Album voll treffsicherer Analog-Arpeggios, aber ohne Jahrhundertmelodien erscheint, dann sei's drum.

© dpa-infocom, dpa:200818-99-209851/3

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