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Boulevard

Auf die Cowboy Junkies ist Verlass

Musik

Montag, 16. Juli 2018 - 05:11 Uhr

von Von Werner Herpell, dpa

dpa Berlin. Dreißig Jahre ist es jetzt her, seit die Cowboy Junkies mit der „Trinity Session“ ein Album für die Ewigkeit aufnahmen - und sogar eine Stilrichtung mitbegründeten. Auch die neue Platte der vier Kanadier enthält wieder Folkrock für Feinschmecker.

Stets auf hohem Niveau - die Cowboy Junkies aus Kanada. Foto: Heather Pollock/Proper Records

Eine recht freie Definition der seit gut 30 Jahren existierenden Stilrichtung „Alternative Country“ geht so: Das ist Countrymusik für Menschen, die Countrymusik eigentlich gar nicht mögen.

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Also ohne reaktionäre Redneck-Sänger mit Cowboyhüten, ohne „Yee-Haw“-Rufe wie beim Rodeo, ohne schmalzige Herzschmerz-Texte, ohne Fiddle- und Banjo-Klischees.

Demnach sind die Cowboy Junkies (ebenfalls seit gut 30 Jahren, quasi als Mitbegründer dieses Stils) eine Alternative-Country-Band wie aus dem Bilderbuch. Und sie sind noch viel mehr - wie das neue, wieder einmal herausragende Album „All That Reckoning“ beweist, auf dem die Gitarren auch mal wütend nach Neil Young oder kratzig nach The Velvet Underground klingen dürfen, ohne den Wohlklang zu zerstören.

Dies ist also keine Musik für den klassischen Country & Western-Fan aus Nashville/Tennessee - nicht nur weil die Cowboy Junkies Kanadier aus Toronto sind. Die elf neuen Stücke fließen oft langsam bis zur Zeitlupenhaftigkeit dahin, es sind hochkomplexe Klanggemälde von brodelnder Intensität, dazu textlich von einer Reife, die im heutigen Pop und Rock ihresgleichen sucht.

Man muss nur den aktuellen Song „The Things We Do To Each Other“ hören, um den Unterschied zu typischen Country-Acts zu erkennen. „Furcht ist nicht weit vom Hass entfernt“, singt Margo Timmins mit ihrer wunderbaren Altstimme zu einem sparsamen Folk-Arrangement. „Wenn man also die Leute dazu bringt, Furcht zu haben/dann braucht es nur einen kleinen Dreh/um einen Gang hochzuschalten...“

Kaum zu glauben, aber diese wohl auf den weltweiten Rechtsruck und US-Präsident Donald Trump gemünzten Sätze klingen bei den Cowboy Junkies nicht nach vertonten Polit-Sprechblasen - sie schwingen in perfekter Harmonie mit dem ruhigen, warmen Sound dieser Band. Das war auch auf früheren Meisterwerken des Quartetts nicht anders, etwa bei ihrem sensationellen Album „The Trinity Session“ von 1988.

Drei Jahre davor hatten die Timmons-Geschwister - Sängerin Margo (heute 56), Gitarrist Michael (59), Schlagzeuger Peter (52) - sowie Bassist/Keyboarder Alan Anton (59) die Cowboy Junkies gegründet, zunächst ohne Erfolg. Doch dann brachte ihre so bescheidene wie geniale Idee, Ende November 1987 in der „Church of the Holy Trinity“ von Toronto mit einem einzigen Mikrofon ein Dutzend herzergreifende Balladen und Midtempo-Songs aufzunehmen, den Durchbruch.

Die „Trinity Session“ verkaufte sich gut eine Million Mal. Seither haben die Cowboy Junkies weitere großartige Platten aufgenommen, etwa „Pale Sun, Crescent Moon“ (1993), „Waltz Across America“ (2000), „Long Journey Home“ (2006) oder die experimentellen, vierteiligen „Nomad Series“ (2010 bis 2012) - stets unter dem Mainstream-Radar. Doch die Band kann mit dem Kultstatus ganz gut leben.

Den kommerziellen Massenerfolg suchten die vier Kanadier gar nicht erst, sie mochten dafür nicht ihre Seele verkaufen. „Manager und Leute von Plattenfirmen wollten, dass ich Mini-Kleider trage und meine Beine zeige“, sagte Margo Timmins, die lange auch an extremem Lampenfieber litt, kürzlich dem britischen Musikmagazin „Uncut“. „Wer weiß, vielleicht hätten wir mehr Platten verkauft, wenn ich das getan hätte. Aber so wollten wir eben keine Platten verkaufen.“

Auch mit „All That Reckoning“ werden sie also nicht die Pop-Charts anzünden, dafür sind die Cowboy Junkies und ihr Alternative Country zu nobel, zu zeitlos und daher zu unmodisch. Aber ein Track wie der Titelsong dieses Albums, den die Band in gleich zwei Versionen, einer zarten und einer rauen, präsentiert - so etwas Tolles gelingt halt auch nicht allzu vielen Musikern nach drei Karriere-Jahrzehnten.

„Man muss sich inzwischen ein bisschen mehr fokussieren, wenn man eine neue Platte herausbringt“, sagte Songschreiber Michael Timmins dem Sender „The Colorado Sound“. „Es muss schon einen guten Grund geben, dem eigenen Werk noch etwas hinzuzufügen.“ Das ist den Cowboy Junkies mit „All That Reckoning“ ohne jeden Zweifel gelungen.

Konzerttermine: 14.11. Hamburg, Kulturkirche Altona; 15.11. Berlin, Passionskirche

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