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Charmantes Ekel - Manfred Krugs Tagebücher aus zwei Jahren

Literatur

Mittwoch, 26. Januar 2022 - 09:45 Uhr

von Von Sven Gösmann, dpa

dpa Berlin. Am 8. Februar wäre Manfred Krug 85 Jahre alt geworden. Nun erscheinen Tagebücher der Jahre 1996 und 1997. In „Ich sammle mein Leben zusammen“ zeichnet der Schauspieler ein Bild voller Widersprüche.

Am 8. Februar 2022 wäre Manfred Krug 85 Jahre alt geworden. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Was für ein Leben. Größer als jede seiner Rollen: Manfred Krug war erst der Schauspielstar in der DDR, nach seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik 1977 auch dort ein Publikumsliebling.

Dazu avancierte er als notenunkundiger Autodidakt zum hörenswerten Jazzsänger. Machte Karriere als Buchautor, war außerdem noch kahlköpfiger Casanova, vierfacher Vater, umstrittener Telekom-Aktien-Werbestar.

Als der herzkranke Krug 2016 schließlich an den Folgen einer Lungenentzündung in Berlin starb, blieb für eine Sekunde in Ost und West die Zeit stehen. Fast jeder Fernsehzuschauer hatte einen Film mit Krug im Kopf. Ob „König Drosselbart“ (1965) oder der in der DDR auf den Index gesetzte „Spur der Steine“ (1966), seine späteren Serienrollen in „Auf Achse“, „Liebling Kreuzberg“ oder „Tatort“ – den Brummbär mit der markanten Narbe auf der sehr hohen Stirn hatte jeder gern in sein Wohnzimmer gelassen.

Pünktlich zum Geburtstag

Manfred Krug ist in Ost und West unvergessen. Pünktlich zum 85. Geburtstag am 8. Februar haben seine Nachkommen deswegen Tagebücher von ihm freigegeben. In „Manfred Krug: Ich sammle mein Leben zusammen“ geht der Schauspieler weder mit sich noch mit anderen zimperlich um.

Es ist ein faszinierender Einblick in das Leben des Stars. Dass intimste Dinge weggelassen wurden, dafür trug offenbar seine langjährige Beraterin Krista Maria Schädlich Sorge, die mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Krug-Freund Hans Joachim Schädlich, ebenfalls 1977 aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelte.

Dennoch lässt Manfred Krug uns teilhaben an zwei schwierigen Jahren in seinem Leben. 1997 trifft ihn ein Schlaganfall, mit dessen körperlichen Folgen er nach eigener Beschreibung kämpft. Der Baum von einem Mann – hilflos. Der wortgewaltige Zyniker - kurzzeitig sprachlos. Wir müssen uns die Rehaklinik als Hölle für ihn vorstellen.

Einsicht nur in Maßen

Doch Krug berappelt sich. Einsichtiger wird er aber nur in Maßen: Die Zigarren etwas weniger und kürzer, das Essen mitunter weniger deftig, nur noch drei Glas Rotwein dazu – das muss wenigstens manchmal reichen.

Krug schont sich nicht, seine Umwelt aber auch nicht. Seine Frau Ottilie leidet wohl eher stumm. Oder er will es nicht wahrnehmen. Krug hat nach drei inzwischen großen Kindern aus der Ehe mit Ottilie mit einer Kollegin 1995 noch ein Mädchen gezeugt, das mit der Mutter häufig im Hinterhaus wohnt, so dass Krug beide sehen kann.

Die beiden Familien gehen sich meist aus dem Weg. Marlene, so heißt das Kind, weckt in Krug noch einmal ganz zärtliche Vaterseiten. Ottilie Krug kommt in „Ich sammle mein Leben zusammen“ dagegen häufig nur vor, wenn sie für ihre Kochkünste gelobt wird.

Ärger über „Minchen“

Der alternde Krug ärgert sich über schlechter werdende „Tatort“-Drehbücher, die ARD-Bürokratie oder seinen Erzfreund „Minchen“ Armin Mueller-Stahl, der mit ihm in der DDR um die Krone des beliebtesten Schauspielers rang und nach der Übersiedelung in den Westen weiter in die USA zog und als Oscar-Kandidat Karriere macht.

Schwarz auf weiß daneben sind Krugs Wertungen anderer Schauspielerinnen, die er gern auf ihr Äußeres reduziert. Da begegnet man einem mit dem Älterwerden hadernden Mann im Fernsehsessel, den man nicht so gerne trifft.

Das Tagebuch-Schreiben ist nachlesbar immer Trostspender und Klagemauer in einem. Krug selbst fasst es so zusammen: „Jeder ab 50 sollte ein Tagebuch schreiben, weil er dann mehr erlebt.“

Da sind dann wieder der Wortwitz, der Mut, sich auch selbst kritisch zu sehen und das zu notieren. Das macht „Ich sammle mein Leben zusammen“ bei manchen Längen in der Beschreibung von Alltagseinerlei zu einem Dokument, das nach so vielen Jahren immer noch Respekt für Manfred Krug abnötigt. Dieses charmante Ekel, dieser begnadete Bollerkopf fehlt.

© dpa-infocom, dpa:220125-99-841533/4

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