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Boulevard

Chilly Gonzales: Schlussakt in C-Dur

Musik

Mittwoch, 12. September 2018 - 05:11 Uhr

von Von Oliver Beckhoff, dpa

dpa Berlin. Sein liebstes Bühnenoutfit - der Bademantel - wurde jüngst von Männern wie Harvey Weinstein in Verruf gebracht. Seinem Stil will Chilly Gonzales, der mit „Solo Piano III“ nun den letzten Akt seines Pianozyklus abliefert, aus guten Gründen trotzdem treu bleiben.

Chilly Gonzales nimmt sein Publikum auf aufregende Reisen mit. Foto: Cyril Zingaro/Keystone

Chilly Gonzales trägt bei Konzerten noch immer Bademantel und Pantoffeln. Es ist ein Outfit, dessen Ansehen durch Skandale der jüngeren Geschichte - Stichwort MeToo - gelitten hat.

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Man denke nur an die in einen Bademantel gehüllte Statue des Filmproduzenten Harvey Weinstein, die ein Straßenkünstler Anfang des Jahres in New York präsentierte. Seinem Bühnenoutfit will Chilly Gonzales trotzdem treu bleiben.

„Solo Piano III“ heißt sein neues Album: Es ist das Ende eines 14 Jahre dauernden Schaffenszyklus, in dem „Gonzo“, wie ihn Freunde nennen, seinen Fans klassische Musik und Jazz erschloss, meist ohne dabei auf die Eingängigkeit und Direktheit des Pop zu verzichten - oder auf Doppelbödigkeit und Ironie.

Spricht man den 46-Jährigen auf den Fall Weinstein an, wird schnell klar: Die Mäntel, die übergriffige Männer tragen, vermitteln eine andere Botschaft als Gonzales' herrschaftliche Überwürfe. Solche Männer tragen Frottee-Bademäntel, wie sie leihweise in Hotels ausliegen. Es sind „Handtücher mit Ärmeln“, sagt Gonzales. Wer sie trägt, trägt im Grunde: nichts. Der „König des Underground“ - dazu rief sich Gonzales einmal auf der Bühne aus - setzt auf Morgenmäntel aus Seide, in kräftigen Farben. Die Botschaft eines solchen Kleidungsstücks: „Fühl dich wohl, wie zuhause.“

Zwischen der Arbeit an den Piano-Alben verfolgte er weitere Projekte. Die Zusammenarbeit mit Daft Punk an „Random Access Memories“, bei dem Gonzales als Gastkünstler auftrat, brachte 2014 einen Grammy ein.

Daneben produzierte er für Künstler wie Leslie Feist, Mocky, Peaches oder Jamie Lidell. Oder er stellte mal eben einen Weltrekord für das längste Konzert eines Solokünstlers auf: Insgesamt 27 Stunden berserkerte er im Frühjahr 2009 bei Keksen und Energydrinks in Paris auf seinem Piano herum. „Musik ist ein Wettbewerb“ - dieser Satz stammt von Gonzales. Konsequenterweise lieferte er sich Piano-Battles, zum Beispiel mit Helge Schneider.

„Er nähert sich dem Klavier mit klassischer und Jazz-musikalischer Ausbildung - aber mit der Haltung eines Rappers“, heißt es beim Label - im Rap sind musikalische Duelle gang und gäbe. Aber auf „Solo Piano III“ ist der Wettbewerbsgedanke nicht mehr treibend.

„Es fühlt sich an, als hätte ich gewonnen“, sagt Gonzales über den Wettbewerb. „Ich habe es geschafft, von der Musik zu leben und ich hatte die Möglichkeit, eine Art Beziehung mit meinem Publikum einzugehen.“ Tatsächlich ist seine Anhängerschaft heute so divers wie das musikalische Schaffen.

Ganz gleich, wohin die Reise in den vergangenen Jahren führte: das Publikum kam mit. Ob in elektronische Gefilde - wie bei der Zusammenarbeit mit dem DJ Boys Noize - oder eben zu den eigenen musikalischen Anfängen in der Klassik. Vom Underground-Rapper bis zum Konzertpianisten hat Gonzales fast alles durchgespielt.

Und weil die Kindheitsträume vom Leben als Musiker so längst Realität geworden sind, sucht „Gonzo“ nach neuen Aufgaben: Er ist unter die Pädagogen gegangen. Mit dem „Gonzervatory“ gründete er eine außergewöhnliche Musikschule. Dahinter steckt ein Musik- und Performanceworkshop mit abschließendem Konzert.

Auch „Solo Piano III“ verfolgt eine Art Lehrplan: Kein Text, keine Wortspiele, nur die Klaviermusik und der Zauber, der davon ausgehen kann, wenn Hörgewohnheiten herausgefordert werden. Viele der Stücke sind Künstlern oder Autoren gewidmet, die die Regeln ihrer Zeit herausforderten.

Dazu gehören Charaktere wie die Universalgelehrte und Heilige Hildegard von Bingen oder die Komponistin Fanny Mendelssohn, aber auch Zeitgenossen wie Thomas Bangalter von Daft Punk. Ein Titel ist Jason Beck selbst gewidmet - so lautet Gonzales bürgerlicher Name.

Wie die beiden Vorgänger, endet auch der „Solo Piano III“ optimistisch in C-Dur. Doch davor gibt es Dissonanzen und Spannungen. Ungerade Takte und Polyrhythmen; Klänge, die scheinbar nicht zusammengehören, nach der dritten Wiederholung aber plötzlich vertraut klingen. Oft ist es ein Spiel mit der Erwartung - die ja stets auf dem basiert, was uns gewohnt und bekannt erscheint.

Für die, die tiefer eintauchen wollen, ist der Doppel-LP-Version ein Erklärstück beigefügt. Wieso hört sich eine Tonfolge „richtig“ oder „falsch“ an? Und warum klingt „falsch“ nach ein paar Wiederholungen „richtig“? Trotzdem ist „Solo Piano III“ auch ein Popalbum, das ohne Fußnoten auskommt. Kaum ein Stück dauert mehr als drei Minuten.

War es früher der Wettkampf mit sich selbst und der Spaß an der Selbstinszenierung, die ihn antrieben, so ist es heute auch der soziale Aspekt: Menschen und Musikstile zusammenbringen und die gefühlte Grenze zwischen Subkultur und „Hochkultur“ auflösen. Aus demselben Grund hat er ein Klavierlehrbuch zum Selbststudium veröffentlicht.

Es richtet sich an die, „die aufgegeben haben“, weil Musik oder Instrument sich nicht zähmen ließen. Die Stücke sollen Spaß machen und leicht zu spielen sein und so „Verlorene“ neu motivieren. „Ich wollte mein ganzes Leben lang Klavier spielen. Ich habe es mit verschiedenen Lehrern probiert. Nichts hat geklappt“, hat ihm ein älterer Mann geschrieben, der mit dem Buch endlich Spielen lernte.

„Es schmeichelt meinem Ego, dass ich vielleicht einen Einfluss auf das Leben anderer Menschen habe“, sagt Gonzales, der eines der Stücke des Albums Rudolf Steiner gewidmet hat, dem Begründer der Anthroposophie und Vorreiter der Waldorf-Pädagogik, die heute in vielen Schulen praktiziert wird. Ob die Musikschulen der Zukunft „Gonzervatorien“ sein werden? Chilly Gonzales hätte wohl nichts dagegen.

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