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Boulevard

Claude Lanzmann: Ein Taucher nach der Wahrheit

Film

Donnerstag, 5. Juli 2018 - 14:01 Uhr

von Von Sabine Glaubitz, dpa

dpa Paris. Claude Lanzmann rief in seinen Filmen und Büchern die Vergangenheit wach. Dabei sind beklemmende Zeugnisse über den Holocaust entstanden.

Beim Filmfetsival in Cannes zeigte Claude Lanzmann 2013 seine Dokumentation „Der letzte der Ungerechten“. Foto: Sebastien Nogier/EPA

Antisemitismus, Unmenschlichkeit und Gewalt: Claude Lanzmann hat sich in seinen Filmen mit Themen auseinandergesetzt, deren Narben noch heute schmerzen.

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Mit seinem neuneinhalbstündigen Zeitzeugnis „Shoah“ über den Völkermord an europäischen Juden schrieb sich der französische Filmemacher, Philosoph und Schriftsteller in das Gedächtnis der Menschheit. Nun ist der Sohn jüdischer Eltern im Alter von 92 Jahren gestorben.

Das Vergegenwärtigen der Vergangenheit, so nannte Lanzmann seine Arbeit. Dabei holte er Ereignisse in die Gegenwart zurück, die mit dem dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte zu tun haben: dem Holocaust.

Mit „Shoah“ hat Lanzmann einen der radikalsten Filme über die Vernichtung europäischer Juden im Nationalsozialismus gedreht. In der Dokumentation aus dem Jahr 1985 lässt er Opfer und Täter des Holocaust zu Wort kommen. Der Film, an dessen Realisierung er mehr als zehn Jahre arbeitete, machte Lanzmann weltberühmt und das Trauma der Überlebenden der Vernichtungslager sichtbar.

Seinen ersten Film „Warum Israel“ hatte er 1972 gedreht. Darin zeigt er die Notwendigkeit eines jüdischen Staates auf. Dem Debütwerk folgten „Shoah“ und „Tsahal“, der 1994 wegen seiner rückhaltslosen Begeisterung für das israelische Militär auf Kritik stieß. Im Jahr 2001 erschien „Sobibor“, in dem Lanzmann den Aufstand in dem gleichnamigen deutschen Vernichtungslager verarbeitete.

Zu Lanzmanns weiteren filmischen Wagnissen zählt auch „Der letzte der Ungerechten“. Mit der 2013 auf dem Filmfestival in Cannes präsentierten Dokumentation wollte er Benjamin Murmelstein rehabilitieren, den letzten Vorsitzenden des Judenrates im KZ Theresienstadt. Nach dem Krieg 1945 kam dieser wegen Kollaboration mit den Nationalsozialisten in Haft, wurde aber nach 18 Monaten freigesprochen.

Mit „Napalm“ rückte Lanzmann 2017 in Cannes den Koreakrieg (1950-1953) in den Fokus, bei dem US-amerikanische Flieger große Mengen Napalm abwarfen. In dem Film, für den er 2004 und 2015 in das dikatorisch geführte Land unter kommunistischer Führung reiste, erinnert er sich an die Krankenschwester Kim Kum-sun, in die er sich während seines mehrwöchigen Aufenthalts im Jahr 1958 unsterblich verliebt hatte. Lanzmann gehörte zu den ersten Menschen aus dem Westen, die damals in das Land reisen durften.

Die Liebesgeschichte mit der Krankenschwester beschrieb er schon 2010 in seiner Autobiografie „Der patagonische Hase. Erinnerungen“. Mit dem Memoirenband, der auch auf Deutsch erschienen ist, feierte Lanzmann noch 84-jährig erfolgreich sein Debüt als Schriftsteller. Fünf Jahre später gab er mit „Das Grab des göttlichen Tauchers“ einen weiteren Rückblick auf sein Leben, das bewegend und anekdotenreich war.

Lanzmann wurde am 27. November 1925 im Großraum Paris geboren. Als Jugendlicher engagierte er sich in der kommunistischen Jugendbewegung Frankreichs, der französischen Widerstandsbewegung, er studierte Philosophie und war Lektor an der Freien Universität Berlin. Als Journalist reiste er unter anderem nach China und Korea und engagierte sich gegen den Algerienkrieg.

Er war mit dem legendären Philosophen Jean-Paul Sartre befreundet und führte mit der Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir eine siebenjährige eheähnliche Beziehung. Verheiratet war Lanzmann in erster Ehe mit der französischen Schauspielerin Judith Magre, in den 70er Jahren heiratete er die im Juli 2016 gestorbene deutsche Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff.

Auf dem Buchcover von „Das Grab des göttlichen Tauchers“ ist ein nackter Mann abgebildet, der von einem Sprungturm kopfüber ins azurblaue Meer springt. „Alle wichtigen Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, waren wie Kopfsprünge, Sturzflüge ins Leere“, begründete Lanzmann die Wahl des Bildes. Er hat diesen Wasserspringer zu einer Metapher für sein Leben gemacht: Stets tauchte er nach der Wahrheit.

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