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Der Bilderstürmer: Regisseur Jean-Juc Godard wird 90

Film

Donnerstag, 3. Dezember 2020 - 00:11 Uhr

von Von Sabine Glaubitz, dpa

dpa Paris. Nicht klassifizierbar, erfinderisch, provozierend und revolutionär: Jean-Luc Godard ist und bleibt der Individualist des französischen Kinos. Das zeigen auch die jüngsten Filme des Altmeisters.

Jean-Luc Godards Filme sind ein intellektuelles Abenteuer. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/EPA/dpa

Statt wie üblich im Studio zu drehen, fing Jean-Luc Godard die Cafés und Straßen in Paris mit seiner Handkamera ein, vor der sich Jean-Paul Belmondo frei bewegte. Seine Schnitte folgten weder Regeln noch einem Rhythmus.

Mit „Außer Atem“ schuf Godard ein Meisterwerk, das 1960 die Filmsprache revolutionierte. Seitdem experimentiert der französisch-schweizerische Altmeister unermüdlich mit Form, Inhalt und den Sehgewohnheiten der Zuschauern. Er brauche seine Freiheit. Und die bekomme er, indem er eine gewisse Verwirrung stifte und mit den herkömmlichen Regeln spiele, erklärte er schon damals.

Godard, der an diesem Donnerstag (3. November) 90 Jahre alt wird, gehört zu den bedeutendsten und eigenwilligsten Regisseuren Frankreichs. Während seine Gangstergeschichte „Außer Atem“ und „Die Verachtung“ über einen Drehbuchautor mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli noch Handlungen im klassischen Sinn besitzen, bricht er ab Mitte der 60er Jahre in Filmen wie „Weekend“ und „Die Chinesin“ immer häufiger die Erzählstrukturen auf. Seine Geschichten werden fragmentarischer, Bilder und Szenen verlieren ihren inhaltlichen und zeitlichen Bezug zueinander.

Seine Phase der totalen Abkehr von gängigen Gestaltungsformen läutete er mit „Die fröhliche Wissenschaft“ ein. In dem gestalterischen und gedanklichen Kinoexperiment treffen sich Émile Rousseau, ein Nachfahre des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau, und die Tochter eines ermordeten kongolesischen Freiheitskämpfers. Sie diskutieren über die Unterdrückung der Gesellschaft und den Sinn von Bildern und Worten. Der Film wurde in der Zeit kurz vor den Studentenunruhen in Frankreich im Mai 1968 gedreht. Nach 1967 sprach Godard auch nicht mehr von Filmen, sondern von Bildern und Tönen.

In seinem Spätwerk setzt Godard radikaler denn je sein Streben nach formaler und stilistischer Freiheit fort. So auch in seinem jüngsten Werk „Bildbuch“, einem Kaleidoskop von Bildern und Filmausschnitten, die mit Godards Kommentaren, teilweise auch mit einer kakophonen Tonspur unterlegt sind.

Godard spricht dabei Themen wie Krieg und Kriegsverbrechen an und zeigt unter anderem Morde der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Während in den vorherigen Collagen „Film socialisme“ und „Adieu au langage“ noch Protagonisten vorkamen, verzichtet der Altmeister in seinem Werk „Bildbuch“, für das er 2018 in Cannes mit einer Sonder-Palme ausgezeichnet wurde, ganz auf handelnde Personen.

Godards Filme sind Manifeste eines intellektuellen Kinos, in denen es die Geschichte und die Reflexion über die Geschichte gibt, die Erzählung und die Infragestellung der Erzählung. Und dazu gehört die Frage nach Bild und Sprache und ihrer Beziehung zueinander. Godard lehnt die Idee ab, dass Sprache und Wörter Kopien der Realität sind.

Godard wurde am 3. Dezember 1930 in Paris in eine protestantische bürgerliche Familie geboren, die in Frankreich und der Schweiz lebte. Nach dem Schulbesuch in Nyon im Schweizer Kanton Waadt ging er nach der Scheidung seiner Eltern zurück nach Paris, wo er Ende der 40er Jahre die Nouvelle-Vague-Mitbegründer François Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer kennenlernte. Zusammen mit ihnen rief er die kritische Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ ins Leben.

Sein Charakter ist ebenso schwer durchschaubar wie sein Werk. Mehrere Biografen haben sich mit seiner Person auseinandergesetzt, zuletzt Antoine de Baecque. Der Nouvelle-Vague-Spezialist und Filmkritiker beschreibt Godard als geborenen Provokateur: distanziert, brillant, lustig, unerträglich und giftig, besonders Freunden und Verwandten gegenüber. Godard war zweimal verheiratet. Beide Ehefrauen, Anna Karina und Anne Wiazemsky, spielten in mehreren seiner Filme mit.

Seit Anfang der 80er Jahre lebt Godard zurückgezogen in der Schweiz in Rolle am Genfersee. Nur selten zeigt er sich in der Öffentlichkeit, und wenn, dann oft überraschend wie in Cannes, wo er seine Pressekonferenz zu „Bildbuch“ via FaceTime abhielt. Im April dieses Jahres beantwortete er eineinhalb Stunden lang auf Instagram die Fragen von Studenten der Kunstschule in Lausanne. Und wie so oft trat er dabei mit Zigarre im Mund und zerzausten Haaren auf.

Der Pariser Intellektuelle verlangt von seinen Zuschauern, dass sie mitdenken, sich konzentrieren, weder nach logischen noch nach zeitlichen Bezügen suchen. Godard will die Wahrnehmung des Films infragestellen und eine Analyse der eigenen, subjektiven Wahrnehmungsweise in den Mittelpunkt rücken. „Wenn man nicht versteht, was der Meister sagen möchte, dann ist auch das kein Problem: Jeder nimmt mit, was er sieht oder fühlt, Jean-Luc Godard stellt lediglich das Material zur Verfügung“, schrieb der deutsche Filmkritiker Andreas Borcholte einmal über Godards Kino.

© dpa-infocom, dpa:201127-99-481542/4

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