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Boulevard

Die Istanbuler Proteste als Bühnenstück in Stuttgart

Theater

Freitag, 1. November 2019 - 10:17 Uhr

von Von Martin Oversohl, dpa

dpa/lsw Stuttgart. Ein Park, Proteste, politischer Druck. Irgendwo, eigentlich. Aber auch ohne den Gezi-Park direkt zu nennen, werden die Besucher des neuen Stuttgarter Theaterstücks „Last Park Standing“ in das einst umkämpfte Istanbuler Areal versetzt.

Ganz nah: Josephine Köhler (u) als Umut und Anne-Marie Lux als Janina. Foto: Tom Weller/dpa

Ein Park. Proteste. Und ein Paar, das aufgewühlt zwischen Furcht und Flucht, Heimat und auch Hoffnung entscheiden muss. Über sich.

Über den gemeinsamen Weg. Und letztlich auch über die Frage, wie es zum Freiheitskampf der Freunde im Park steht. Mitten in Istanbul zwar. Aber der Park könnte überall sein, wie Ebru Nihan Celkan betont, die Autorin des Theaterstücks „Last Park Standing“, das am Donnerstagabend in Stuttgart zum ersten Mal in deutscher Sprache aufgeführt wurde. Die 39-Jährige weiß auch um den sensiblen Inhalt ihres jüngsten Werks - und sie kennt den politischen Druck, dem sie sich als Dramatikerin immer wieder freiwillig aussetzt.

Denn natürlich liegt bei „Last Park Standing“ die Erinnerung an den Gezi-Park nah, jenen Platz mitten in Celkans Heimatstadt Istanbul. Dort hatten Demonstranten vor sechs Jahren zunächst nur ein Bauprojekt verhindern wollen und damit schließlich Proteste im ganzen Land ins Rollen gebracht. „Aber das ist ein Stück, das nicht an die Türkei gebunden ist oder an irgendeinen Park“, sagt Celkan. „Es kann exportiert werden. Es funktioniert überall, wo eine Gesellschaft unter Druck ist. Man muss den Park nicht kennen, um das Stück zu verstehen.“

Und dennoch wirkt der Gezi-Park an diesem Stuttgarter Abend wie ein Elefant im Raum, der nicht gesehen werden soll oder will. Und auch Celkan räumt ein: „Man sollte versuchen, die Geschichten zu hören, die nicht direkt erzählt werden.“

Gesellschaftliche Zerreißproben, Tabus und Missstände auch in ihrer Heimat, das sind die Stoffe, mit denen sich Celkan auseinandersetzt. In ihrem zweistündigen Drei-Personenstück „Last Park Standing“ erzählt sie von der Berlinerin Janina (Anne-Marie Lux) und der Türkin Umut (Josephine Köhler), zwei jungen Frauen, die sich während eines Aufstands im namenlosen Park kennen und lieben lernen. In Jahren ihrer Liebe auf Distanz scheitert ein Putschversuch in der Türkei, im Ausnahmezustand werden Tausende verhaftet oder entlassen.

Das Liebespaar muss sich entscheiden: Der Wunsch der einen, das gemeinsame Glück in Berlin zu genießen, stellt die andere vor eine schwere Entscheidung. Soll sie Heimat, politische Freunde und Proteste verlassen? Auch der Homosexuelle Ahmet (Valentin Richter), mit dem Umut gemeinsam die Proteste organisiert, bleibt vom Druck der Staatsmacht nicht verschont und zerbricht.

Dem Regisseur Nuran David Calis gelingt es, die Zerrissenheit der Protagonisten in Zeitsprüngen und multimedial mit Handyvideos auf einer Leinwand über der Bühne näherzubringen. Anne-Marie Lux und vor allem Josephine Köhler spielen sich nachvollziehbar durch die Zerreißprobe und durch die eine oder andere entschuldbare Länge in dieser Liebe auf Distanz. Bewegliche Plexiglasscheiben trennen oder vereinen ihre Lebensräume und den Park, der immer wieder in Tränengas-Schwaden getaucht wird.

Eine Art Zerrissenheit, aber zumindest einen steten Konflikt spiegelt auch die Biografie Celkans wieder: Die 39-Jährige lebt in Istanbul, sie schreibt Dramen und gibt in einer nach wie vor männlich dominierten türkischen Gesellschaft Seminare für Geschlechtervielfalt. Zum Theater hat sie nicht direkt gefunden: 13 Jahre lang war die Frau, die sich nun der Schreibkunst widmet, als Expertin für Großbaustellen in der ganzen Türkei unterwegs. „Die lagen meist irgendwo im Nichts, dort hatte ich genug Zeit zum Schreiben“, sagt Celkan, selbst passionierte Baggerfahrerin. Für Stuttgart hat sich dieses Schreiben gelohnt: starker Applaus am Premierenabend.

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