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Die Welt bunt wie ein Likörell - Udo Lindenberg wird 75

Musik

Montag, 17. Mai 2021 - 00:16 Uhr

von Von Dorit Koch, dpa

dpa Hamburg. Eigentlich stellt der Musiker Udo Lindenberg die Welt für sich selbst gern auf den Kopf. Dann übernahm das die Pandemie und durchkreuzte auch seine Pläne. Doch er ist zuversichtlich.

Udo Lindenberg mit Hut, Brille und Maske (2020). Foto: Axel Heimken/dpa

Plötzlich fallen nicht nur Konzerte weg und bleibt das Publikum zu Hause, sondern ist auch Udo Lindenbergs „Wohnzimmer“ leer.

Das Hamburger Hotel „Atlantic“ ist seit den 1990er Jahren Dauerwohnsitz des Musikers, sein Wohnzimmer nennt Lindenberg gern den Bereich mit Lobby und Bar - wo in einem Gang von ihm gemalte „Likörelle“ an der Wand hängen, er sonst auch mal einen Eierlikör mit den Gästen trinkt und Fans auf ein Foto mit ihm warten. Wie andere Häuser auch sei das Spitzenhotel an der Alster auf einmal wegen der Pandemie verwaist gewesen - die Corona-Stille habe ihn an das verlassene Hotel im Horrorklassiker „Shining“ erinnert, erzählt er. Mit Happy End für ihn und seine Fans: Kurz bevor Lindenberg am Montag (17. Mai) 75 Jahre alt wird, hat er neues „Udopium“ auf den Markt gebracht.

Das Album „Udopium - Das Beste“ ist mit 75 Songs am Freitag (14. Mai) erschienen: ein Best-of, aber auch neuer Stoff. Nicht nur Rückblick, sondern mittendrin und mit Visionen. „Ich bin schneller als das Alter, ein Sprinter und Marathon-Mann“, sagt Lindenberg im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. „Alter steht für Radikalität und Meisterschaft und nicht fürs Durchhängen.“

Fast sein Leben lang schon macht der gebürtige Westfale (Gronau) Musik, anfangs noch als Schlagzeuger. 1968 kam er als Tramper und Trommler nach Hamburg. Damals wurde die Musikkneipe „Onkel Pö“ zu seinem Wohnzimmer und er lebte zusammen mit Kollegen wie Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen in einer „Villa Kunterbunt“-WG, heute rockt er für sein neues Video auf dem Dach der Elbphilharmonie.

Ein „Pippo Langstrumpf“ sei er immer geblieben, sagt Lindenberg. Einer, der sich die Welt schon immer gemacht hat, wie sie ihm gefällt. Und sie auch gern mal auf den Kopf stellt - selbst wenn es für ihn nach unten geht. Höhen und Tiefen hat er in allen Extremen erlebt.

Das erste Album „Lindenberg“, noch auf Englisch gesungen, war 1971 ein Flop. Doch mit neuer deutscher Rock’n’Roll-Sprache und „echtem Straßenschnack“ revolutionierte er in den 70er Jahren die deutschsprachige Rockmusik, landete Hits und feierte riesige Revuen. Er bemühte sich auf und jenseits der Bühne schon lange vor dem Mauerfall 1989 um Auftritte bei seinen Fans im Osten Deutschlands und ein wiedervereintes Deutschland, durchlebte dunkle Zeiten und Alkohol-Abstürze in den 90ern und begeisterte - längst von den meisten abgeschrieben - seit dem Comeback mit „Stark wie Zwei“ (2008) auf Tourneen durch ausverkaufte Arenen und Fußballstadien

Fast 1000 Songs schrieb Lindenberg nach Angaben des Labels DolceRita Music zwischen 1971 und 2021. Auch das Best-of beginnt mit „Hoch im Norden“ in den frühen 70ern und reicht bis zum 36. und jüngstem Studioalbum „Stärker als die Zeit“ (2016). „Meine Songs haben immer alles reflektiert: ob Friedensbewegung, Studentenrevolte, Schwulen- und Lesbenbewegung, Mauerfall oder jetzt Fridays for Future“, sagt er und sieht sich „als Zeitzeuge, aber auch Mitgestalter“. Einer, der noch immer „Udopien“ hat: „Die großen Aufgaben der Menschheit können nur auf internationaler Ebene geregelt werden. Eine Weltregierung muss kommen, zumindest für die globalen Fragen“, fordert Lindenberg und setzt auf die To-do-Liste: „Abschaffung des Militärs! Die Kohle, die man dadurch spart - man könnte damit sofort alle Menschen auf der Welt ernähren, außerdem braucht man das Geld für die Abwendung der Klimakatastrophe.“

In seinen vier neuen Liedern setzt der inzwischen gegen Corona Geimpfte auf eine Dosis, wie er sie auch lebt: mehr Aus- als Rückblick. Zufrieden zurück schaut er in „Wieder genauso“ mit der Überzeugung: „Ich würd’s wieder genauso tun, genauso wie es war. Mit jedem Höhenflug und jeder Talabfahrt.“ „Mittendrin“ im Leben sieht er sich im nächsten Titel - und hoffnungsvoll: „Wir starten wieder durch, das war genug Entbehrung“, singt er, „malen uns wie Likörelle, die dunkle Welt wieder bunt“. Letztlich auf das zu hören, was man fühlt, empfiehlt er an anderer Stelle: „Mein Herz ist mein Kompass und zeigt mir den Weg“. Auch für den Weg aus der Pandemie ist Lindenberg voller Zuversicht: „Da vorn is' doch Land in Sicht, jetzt aufgeben kannst Du nicht“, macht ein weiterer der neuen Titel Mut - „weil goldene Zeiten gar nich' mehr weit sind, wenn wir zusammensteh'n“.

Viele Menschen hätten die Folgen der Corona-Pandemie sehr hart getroffen, sagt Lindenberg, dagegen gehe es ihm verhältnismäßig gut, er habe ja auch noch seine Malerei. Seine abgesagte Tour hofft er im nächsten Jahr nachholen zu können. Die Zeit ohne Konzerte sei für ihn wie ein „kalter Entzug“ - und die weitgehende Isolation der vergangenen Monate „eine seltene Erfahrung“ gewesen. „Allein mit mir, die Tiefen meiner Seele ausgelotet. Wo selbst die hellste Taschenlampe nicht mehr durchkommt, über Tage und Nächte - das hat man ja sonst nie.“ Sein neues „Udopium“ sieht er nicht als Nostalgie-Platte. „Wenn ein Blick zurückgeht, geht der Blick gleichermaßen voll nach vorne - in eine fairere Welt“, sagt Lindenberg. „Die Welt besser zu machen, das hab ich auch immer als meine Aufgabe gesehen.“

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Lindenberg auf Tour (2019). Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Udo Lindenberg (l) überreicht dem ehemaligen SED-Generalsekretär Erich Honecker (M) eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“ (1987). Foto: Franz-Peter Tschauner/ dpa

Meinungsaustausch im Mai 1980: Bundeskanzler Helmut Schmidt (M) und der Rockmusiker Udo Lindenberg (r). Foto: Gus/dpa

Udo Lindenberg probt für seine „Dröhnland-Symphonie“ (1979). Foto: Schilling/dpa

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