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Die schwule ARD-Serie „All You Need“

Medien

Freitag, 7. Mai 2021 - 13:36 Uhr

von Von Gregor Tholl, dpa

dpa Berlin. Die ARD hat die Ufa eine Serie drehen lassen, die das Leben von vier Berliner Schwulen auf der Suche nach Liebe erzählt. Entdeckt das öffentlich-rechtliche Fernsehen nun Diversität als Lust statt Last?

Robbie (Frederic Brossier, r) und Vince (Benito Bause) in einer Szene der Folge "Der Umzug" der ARD-Miniserie „All You Need“. Foto: Andrea Hansen/ARD Degeto/dpa

Eine Kritik an deutschen TV-Serien ist oft, sie seien zu wenig divers, bildeten kaum die reale Vielfalt von Deutschlands Gesellschaft im Jahr 2021 ab, sondern meist die gleichen Milieus.

Kurz: Sie sind zu weiß und zu hetero. Nun bahnt sich eine Revolution fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen an: In der ARD-Mediathek startet an diesem Freitag die fünfteilige schwule Miniserie „All You Need“, die Ernsthaftigkeit und Humor verbindet. Am 16. und 17. Mai wird sie auch versteckt spät abends im ARD-Kanal One ausgestrahlt. Die Hauptfigur Vince (Benito Bause) ist ein schwarzer Schwuler. Schon vor dem Start wurde eine zweite Staffel bestellt. Es geht also weiter.

Klar, es gab schon vor Jahrzehnten mal Männerküsse in der „Lindenstraße“, queere Charaktere in Daily Soaps wie „Verbotene Liebe“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Doch eine Produktion mit ausschließlich schwulen Serienhelden? Bisher Fehlanzeige!

Ganz im Gegensatz zum englischsprachigen Raum. Schon vor mehr als 20 Jahren kam die in Manchester angesiedelte Serie „Queer as Folk“ beim britischen Channel 4 heraus. Erdacht hatte sie Vorreiter Russell T. Davies, der zuletzt mit Serien wie „Years and Years“ und „It’s a Sin“ brillierte. Von „Queer as Folk“ gab es später auch eine in Pittsburgh spielende US-Version. Und vor sieben Jahren startete „Looking“ über einen schwulen Freundeskreis in San Francisco.

Nun also Berlin. Der 35 Jahre alte Autor und Regisseur Benjamin Gutsche („Arthurs Gesetz“) hat vier schwule Protagonisten erschaffen, die den Zuschauenden ein breites Spektrum der Homo-Szene nahebringen.

Neben dem gerne feiernden Medizinstudenten Vince lernen wir den geheimnisvollen Fitnesstrainer Robbie (Frédéric Brossier) kennen, der nach einem Toiletten-Quickie im Club mit Vince zusammenkommt.

Außerdem gibt es den besten Freund und früheren Mitbewohner von Vince namens Levo (Arash Marandi). Er ist mit Tom (Mads Hjulmand) liiert und droht nun mit ihm in einer Villa zu verspießern. Tom ist Vater eines 15-Jährigen und hat nach einem späten Coming-out Frau und Sohn verlassen. Er entdeckt erst nach und nach seinen Spaß am Schwulsein.

So viel Diversität und Offenheit in Serie trauten sich die Macher bislang kaum im deutschen Fernsehen; bis auf die schwule Datingshow „Prince Charming“ vielleicht, die jedoch ein Reality-Format ist.

„Ich finde es top, dass ich als Mann mit iranischen Wurzeln jetzt eine queere Rolle spielen darf“, sagt Darsteller Arash Marandi im Presseheft. Das habe „Symbolcharakter“. „Das werden hoffentlich auch junge Menschen sehen und sagen, ich fühle mich erkannt oder
repräsentiert.“ Und Benito Bause sagt, die Serie sei für viele „vielleicht erst mal ein Schock“. „So eine Empowering-Figur wie Vince habe ich so im deutschen Fernsehen noch nie gesehen.“

Fast alles erdenklich Schwule kommt in den summiert etwa zweieinhalb Stunden vor. Angerissen werden Themen wie Online-Dating, Herrensaunen, Dreierfantasien, Lederfetisch, Konflikte mit den Eltern, die Angst vor blöden Blicken oder Attacken beim Händchenhalten oder Küssen auf der Straße, der Kampf darum, möglichst männlich und nicht tuntig zu wirken - und und und.

Wollte man der Serie Böses, dann könnte man sie als ein bisschen überladen vor lauter Nachholbedürfnis der ARD und Produktionsfirma Ufa diskreditieren. Die Ufa gab sich vergangenen Herbst eine Selbstverpflichtung zu mehr Diversität in ihren Filmen und Serien.

Stellenweise haben die Episoden etwas von einem Volkshochschulkurs über Mehrfachdiskriminierung, etwa wenn Vince dem unbedarften Robbie erklärt, dass er auch Alltagsrassismus erlebe, ihn Leute für einen Drogendealer im Park halten oder ihm einfach in die Haare fassen.

Der Titel „All You Need“ lässt an den Beatles-Song denken: „All You Need Is Love“. Wahnsinnig neu und tief ist die Erkenntnis nicht, dass auch Schwule geliebt werden wollen. Auf der Suche nach Geborgenheit - Klischees wollen bedient sein - lassen sie es gerne krachen.

Wie sagt Levos Schwester es einmal zu ihrem Bruder, was Schwule so für ein Leben angeblich führen? „Weniger Familie und Tradition - mehr Feiern, Flirten, Ficken.“ Seine Antwort: „Ich wünschte, alle würden mal mehr feiern, flirten, ficken. Die Welt wäre ein besserer Ort.“

© dpa-infocom, dpa:210506-99-489822/2

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