Boulevard

Die wundervolle Welt der EC Comics

Literatur

Mittwoch, 2. Dezember 2020 - 10:41 Uhr

von Von Christof Bock, dpa

dpa Berlin. Sabbernde Zombies, radioaktive Mutanten und kernige Helden: Das Werk der Comic-Pioniere des Verlages EC war in den Augen von Moralaposteln nichts als Schund. Erst heute wird die große Kunst darin sichtbar.

„The History of EC Comics“ von Grant Geissman. Der Bildband erscheint im Taschen Verlag. Foto: --/Taschen Verlag/dpa

Bestsellerautor Stephen King, Skandal-Zeichner Robert Crumb, „Krieg der Sterne“-Erfinder George Lucas und viele andere US-Prominente hatten als Kind dieselbe Leidenschaft. Sie alle liebten Comics aus dem Verlag EC.

Bis Mitte der 1950er erschienen hier Kult-Reihen mit so sprechenden Titeln wie „Tales from the Crypt“ („Geschichten aus der Gruft“), „The Vault of Horror“ („Das Gewölbe des Grauens“) und „Weird Science“ („Seltsame Wissenschaft“), deren Einfluss auf die Popkultur im Rückblick als immens anzusehen ist.

Dennoch ist EC Comics heute den wenigsten Menschen ein Begriff. Nur ein einziger Titel des einstigen Bilderbuch-Imperiums überlebte unter neuem Dach bis heute: das Satiremagazin „Mad“. Der Taschen Verlag hat EC Comics dem Vergessen entrissen und in diesem Herbst einen sechs Kilo schweren, englischsprachigen Prachtband auf den Markt gebracht.

„The History of EC Comics“ von Grant Geissman zeichnet in Texten und mehr als 1000 Bildern Aufstieg und Fall des bemerkenswerten Verlages nach und liefert obendrein einen Panoptikum der reißerischsten Titel. Voller sabbernder Riesenechsen, blutgieriger Zombies, grimmiger Atommutanten, Fäuste schwingender Helden und ängstlich blickender Blondinen. Dabei liefern die 592 großformatigen Seiten auch recht versierten Comic-Liebhabern viele überraschende Erkenntnisse: So zeigt Geissman auf, dass die Entstehung von EC Comics sehr eng mit der Geburtsstunde des modernen Comics überhaupt verbunden ist.

Der New Yorker Maxwell Charles Gaines ist ein verkrachter Mittdreißiger, der aus Geldnot wieder bei seiner Mutter eingezogen ist, als ihm 1933 eine geniale Idee kommt. Er schlägt seinem Arbeitgeber, einer Druckerei, vor, ein eigenes Heft nur mit Comics zu drucken. Das hat bis dahin noch keiner gemacht. Comic-Strips sind zu diesem Zeitpunkt nur als Wochenend-Beilage zu Zeitungen erschienen.

Der Band „Famous Funnies“, ein zusammengeschustertes Recycling-Produkt älterer Zeichnungen, soll als Gratis-Werbegeschenk für eine Kosmetikfirma fungieren. Bald ist klar: Für sowas kann man auch Geld nehmen. Gaines hat sich schon als Lehrer, Hausmeister, Fabrikarbeiter, Schneider und Vertreter versucht. Nun hat er mit einem Mal nicht nur ein neues Buchgenre erfunden, sondern auch zugleich das Größenformat von US-Comics bis heute gesetzt.

Die Druckerei macht mit der Idee Kasse, setzt deren Erfinder aber bald vor die Tür. Gaines sucht sein Glück woanders. Er treibt die Idee des Comic-Heftes mit einigen Partnern voran, ist Miterfinder von „Wonder Woman“ und gründet schließlich seinen eigenen Verlag EC. Das E steht für Educational. Und tatsächlich setzt der Gründer auf erzieherisch angehauchte Stoffe aus der Bibel. Die Glanzzeit von EC beginnt jedoch erst nach seinem Tod bei einem Motorboot-Unfall 1947.

Sein Sohn Bill muss den Traum von einer Laufbahn als Chemielehrer begraben und übernimmt stattdessen den EC-Verlag. Bill erfindet das „Mad“-Magazin und gibt auch dem Comic-Sortiment eine völlig neue Richtung, den „New Trend“. Die neuen reißerischen Serien unter seiner Ägide fallen nicht nur sehr oft durch ein besonders schockierendes Ende auf. Sie greifen auch soziale Themen auf: Rassismus, Korruption bei der Polizei oder die Gefahren von Atomenergie und Krieg.

Die Episode „Child Of Tomorrow“ (1951) ist hier ein gutes Beispiel. Forscher Jerry lässt seine schwangere Braut zurück und erforscht für die UN den südamerikanischen Urwald. Währenddessen bricht in den USA ein Atomkrieg aus. Jerry kehrt zurück und findet nur noch Mutanten vor. Daheim greift ihn ein Geschöpf mit zwei Köpfen an - sein Kind. Die EC-Storyboards hatten einen ungewöhnlich hohen Anspruch. Manche Geschichten sind Adaptionen des Science-Fiction-Autors Ray Bradbury.

Dennoch gerät EC wie andere Comic-Verlage Mitte der 50er Jahre ins Visier der Zensurbehörden. Amerika sorgt sich um die Moral seiner Kinder. Die Folgen sind drastisch. Worte wie „Horror“ und „Terror“ sollen von den Titeln verschwinden. Unter dem Druck der Zensoren bringt Bill Gaines neue, ernstere Titel auf den Markt, sie floppen. Irgendwann will der Herausgeber den Spagat zwischen Zensur und roten Zahlen nicht mehr hinnehmen. Bis auf „Mad“ verschwinden alle Titel.

Damals als „Schundheftchen“ angeprangert, erinnert an den Storys heute viel an die Ästhetik eines Roy Lichtenstein oder Andy Warhol. HBO verfilmte Ende der 1980er „Tales from the Crypt“ als TV-Serie und legte damit einen Grundstein für seinen Erfolg als Bezahlsender. Regisseur John Hughes benannte 1985 eine bezaubernde Teenager-Komödie nach „Weird Science“. Leider verhunzte der deutsche Kinoverleih diese Hommage mit der schrägen Betitelung „L.I.S.A - Der helle Wahnsinn“.

Grant Geissman: The History of EC Comics, Taschen, 592 Seiten, 150 Euro, ISBN 978-3-83654-976.9

© dpa-infocom, dpa:201202-99-540240/3

Ihr Kommentar zum Thema

Die wundervolle Welt der EC Comics

Verbleibende Zeichen:

Regeln fürs Kommentieren

Bitte bleiben Sie fair und sachlich. Schreiben Sie keine Kommentare, die Beleidigungen, Verleumdungen oder falsche Tatsachenbehauptungen enthalten. Beiträge, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht (siehe Netiquette).

Bitte beachten Sie, dass Ihr Kommentar unter Ihrem echten Namen veröffentlicht wird!


captcha