Boulevard

Doku über Anti-Star Billie Eilish

Musik

Freitag, 26. Februar 2021 - 12:04 Uhr

von Von Christian Fahrenbach, dpa

dpa New York. Es gibt das Klischee, dass heutzutage jeder berühmt sein könne. Mit 8,5 Milliarden Youtube-Klicks und fünf Grammys spielt Superstar Billie Eilish aber in einer anderen Liga. Eine neue Doku versucht schon jetzt, das Geheimnis des erst 19-jährigen Anti-Stars im Schlabberlook zu ergründen.

US-Singer-Songwriterin Billie Eilish und ihr Vater Patrick O'Connell in einer Szene der Dokumentation "Billie Eilish: The World's A Little Blurry". Foto: -/Apple TV+/dpa

Ihre Pullover sind übergroß, anstatt ihren Körper zu betonen, und in Interviews räumt sie unumwunden ein, nie glücklich zu sein. Die erst 19-jährige Billie Eilish ist nicht nur einer der derzeit größten Musikstars der Welt, sie steht auch für eine neue Promi-Kultur.

Eilish ist ein Antistar, der wenig mit dem einst blankpolierten Image von Britney Spears oder den kalkulierten Tabubrüchen von Madonna zu tun hat, dabei aber trotzdem jederzeit um die eigene Wirkung weiß. Eine seit Freitag verfügbare neue Dokumentation beim Streaminganbieter Apple TV+ zeichnet den fantastischen Aufstieg der US-Sängerin nach.

„Billie Eilish: The World’s a Little Blurry“ („Die Welt ist ein wenig verschwommen“) heißt der satte 144 Minuten lange Film, und er zeigt vor allem Bilder aus dem Jahr 2019. Im Zentrum steht die Arbeit am Album „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ und wie nach dessen Veröffentlichung, angetrieben vom Über-Hit „Bad Guy“, aus dem großen Talent Eilish endgültig ein weltweiter Superstar wird.

Fans dürften vielleicht schon um den organischen Entstehungsprozess der Lieder im heimischen Kinderzimmer in einem Allerweltshaus in Los Angeles wissen. In der Doku ist nun aber ausführlich zu sehen, wie die Tracks in ständigem Ping Pong mit dem vier Jahre älteren und ebenfalls eindrucksvoll talentierten Bruder Finneas O’Connell (Eilish heißt mit vollem Namen Billie Eilish Pirate Baird O’Connell) an den meisten Instrumenten und am Computer entstehen. Beide werfen sich Text-Fragmente zu, reden über begleitende Musik-Effekte und freuen sich glaubwürdig, wenn es Eilish gelingt, ihre oft säuselnde, aber nie ungenau platzierte Stimme perfekt in den Dienst ihrer Ideen zu stellen.

Der Film schneidet immer wieder jüngere Konzertaufnahmen gegen oder Bilder davon, wie Eilish schon als Kind mit dem Rest der Familie auftrat oder mit 13 Jahren auf der Musikwebseite Soundcloud den ersten Hit „Ocean Eyes“ einstellte. Im Großen und Ganzen erzählt Regisseur R.J. Cutler aber in chronologischer Folge vom neuen Album, beispielsweise davon, wie auf das Songwriting der beiden ebenfalls im heimischen Kinderzimmer das erste Vorspielen der Ergebnisse vor einigen Plattenmanagern folgt - die Begeisterung über den Rohdiamanten, den sie vor sich haben, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die hübscheste Episode ist, wie ehrfürchtig das erste Treffen von Eilish mit ihrem Teenager-Idol Justin Bieber zur Zusammenarbeit an einem „Bad Guy“-Remix ausfällt, obwohl zu diesem Zeitpunkt ihr gigantisches Potenzial schon längst in der Branche die Runde gemacht hatte.

Eilish und ihre Familie haben einen sehr offenen Zugang gewährt und auch Episoden nicht gestoppt, die andere Stars aus Angst ums makellose Image zurückhalten würden. Die Kamera schwenkt beispielsweise nicht weg, als sie bei einer anstrengend getakteten Europa-Tour eine Tic-Episode ihres Tourette-Syndroms durchmacht und ihr Kopf länger hin und her zuckend zu sehen ist.

Auch ein nüchternes Bekenntnis zu einem eher dunklen Gemüt hat wenig mit dem Frohsinnspop von Katy Perry und Co. zu tun: „Die Leute sagen immer, dass alles so düster sei und dass ich fröhliche Musik schreiben soll“, sagt Eilish an einer Stelle. „Aber ich fühle mich nie fröhlich. Warum sollte ich über Dinge schreiben, von denen ich nichts verstehe? Ich fühle die dunklen Dinge.“

Ergründen solche losen Fragmente in Summe das Geheimnis des Erfolgs einer Frau, deren selbstgeschriebene Musik mit 18 Jahren fünf Grammys gewann, die inzwischen auf satte 8,5 Milliarden Youtube-Klicks kommt und die zwei Jahre in Folge die weltweit meistgestreamte Sängerin beim Musikdienst Spotify war? Nicht vollständig, nein. Dafür wird trotz all der Nähe auch „Blurry“, wie Eilish den Film selbst auf Social Media nennt, ein Gefühl des Kuratiertseins und der vielleicht nur behaupteten Eigenständigkeit nicht los. Ohne hungrige Plattenfirmen, ohne Teilnahme an Kommerzritualen wie Awardshows und ohne klare Positionierung geht es eben doch nicht - und sei es mit einem Image als Anti-Star der Stunde. 

Vielleicht ist das am Ende aber egal, Pop war schließlich immer schon ein Geschäft, auch wenn er alternativ-authentisch daherkam. Im Jahr 2021 heißt das dann eben, mit 76,4 Millionen Abonnenten bei Instagram das feine Wissen zu teilen, wie viel Authentizität auf Social Media zugelassen gehört und welche Grenzen es im Gestalten des eigenen Selbstbilds in der Öffentlichkeit gibt.

„The World's a Little Blurry“ zeigt, wie eine der weltweit erfolgreichsten Vertreterinnen des Genres trotzdem ihren Einfluss über die Musikindustrie hinaus nutzt: Mit viel Selbstbewusstsein und Tiraden gegen Donald Trump befeuert Eilish das Interesse ihrer Fans an Politik, sie gesteht glaubhaft eigene Schwächen und Schwermut ein und sie stellt allein durch ihren Schlabberlook eindrucksvoll die gängige Vermarktung von Schönheit in der Unterhaltungsbranche in Frage - schon das ist in der glitzernden Promiwelt ein großer Fortschritt.

© dpa-infocom, dpa:210226-99-603970/3

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