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Boulevard

Flüstern bis zum Orgasmus

Wissenschaft

Sonntag, 14. Juli 2019 - 13:42 Uhr

von Von Marco Krefting, dpa

dpa München. 1969 hauchte Jane Birkin Serge Gainsbourg in einem Lied „Je t'aime“ entgegen - ein Inbegriff sanfter Verführung. Dass Flüstern besondere Gefühle auslösen kann, ist lange bekannt. Jetzt will das auch die Erotikbranche nutzen.

Dea Levina nimmt erotische Hörbücher im ASMR-Stil (Autonomous Sensory Meridian Response) auf. Foto: Matthias Balk

„Ich werde dir jetzt einige Instruktionen geben, die du zu befolgen hast. Damit wirst du deine Lust und deine Befriedigung steigern.“ Das verspricht Hypnose-Therapeutin Dea Levina aus Bayern.

Besser: Sie flüstert es, wispert deutlich jede Silbe. Ihr A und O der Verführung. Mit ihren erotischen Hörbüchern folgt sie einem Trend, der sich seit einigen Jahren im Internet ausbreitet - bisher aber vor allem jenseits von Erotik: ASMR.

Die Abkürzung steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Eine gute deutsche Übersetzung gibt es nicht. Im Grunde geht es darum, dass Geräusche beim Zuhören entspannen oder auch ein leichtes Kribbeln auslösen können. Dabei ist so gut wie alles denkbar. In unzähligen Videos etwa bei Youtube streichen Menschen mit Pinseln oder Fingern über Mikrofone, blättern Bücherseiten um oder bürsten ihre Haare. Manche nutzen das angeblich sogar als Einschlafhilfe. Die Clips werden millionenfach angeklickt, Tendenz steigend. Und immer wieder flüstern die Protagonisten auch in solchen Filmchen.

ASMR sei wissenschaftlich nicht klar definiert, sagt Claus-Christian Carbon, Psychologie-Professor an der Uni Bamberg. Geräusche, die man sonst nicht wahrnimmt, gerieten in den Fokus: das Ausschaben einer Melone, das Schneiden eines Stücks Seife. Die genaue Funktionsweise hätten Forscher noch nicht wirklich ergründet. „Aber wenn sich Leute das eine Stunde angucken, muss psychologisch mehr dahinterstecken“, ergänzt Carbon.

Nun hat auch die Erotikbranche den Trend für sich entdeckt. Flüstern bis zum Orgasmus, lautet das Versprechen. Seit Anfang des Jahres bietet Fred Graf, Mitgründer eines Onlineshops mit Sitz nahe München, auch ASMR-Hörbücher an. „Das macht inzwischen schon gut ein Drittel des Umsatzes aus“, sagt er. Branchenweit sei das aber eher eine Nische, urteilt der Bundesverband Erotik Handel. Der Schwerpunkt liege weniger bei Audio, sondern bei Filmen. Und da sei Flüstern nicht so das Thema.

Dea Levina ist eine von Grafs Autorinnen - ein Künstlername, versteht sich. Als „Mental Domina“ ziele sie mit ihren Texten hauptsächlich auf männliche Sklaven ab, erläutert sie. Funktionieren könne das aber bei jedem, der sich auf die erotischen Geschichten einlasse. Und wie spürt man ASMR dann? Los gehe es meist mit Kopfkribbeln, beschreibt die Sprecherin. „Ab und zu hat man auch Gänsehaut, zum Beispiel an den Armen oder im Nacken.“ Es breite sich eigentlich im ganzen Körper aus. „Und man reagiert auch im Lustzentrum“, ergänzt sie. „Das heißt, man wird geil davon.“

Die einen erfahren durch ASMR Entspannung, die anderen Erregung. Wie passt das zusammen? „Bei vielen Dingen, die einen erst aufregen, gibt es nachher Entspannung“, sagt Psychologe Carbon. Deshalb würden auch viele nach dem Sex müde. „Nach dem Orgasmus ist erstmal Feierabend.“ Ein Medium könne zwei Auslöserprinzipien haben. „Es entwickelt sich in Sequenzen: Erst ist es aufwühlend. Über ständige Wiederholung stellt sich ein Gewohnheitseffekt ein“, erläutert der Professor.

ASMR sei jedoch bisher kaum empirisch erforscht. „Aber Erotik funktioniert über den Kopf“, ergänzt Carbon. Daher sei durchaus vorstellbar, dass es den ein oder anderen zum Höhepunkt bringe. Vor allem das Flüstern schaffe eine besondere Intimität. „Wenn ich anfange zu flüstern, habe ich was sehr Persönliches zu erzählen.“ Doch längst nicht nur in Sachen Sex. So könne man auch beim Vorlesen von Kinderbüchern flüstern, um eine besondere Stimmung zu erzeugen. Erotik sei da einfach eine andere Richtung, so Carbon.

An sich nichts Neues, erinnert man sich beispielsweise an das gehauchte „Je t'aime“ von Jane Birkin 1969. Das Duett mit Serge Gainsbourg avancierte in der Musik zu einem Inbegriff sanfter Verführung, der Titel ist bei vielen sofort im Ohr. Doch selbst in der ASMR-Szene ist die erotische Wirkung teils heftig umstritten. Bei einer Studie der britischen Swansea University mit 475 erwachsenen Teilnehmern aus dem Jahr 2015 gaben nur fünf Prozent der Befragten an, ASMR zur sexuellen Stimulation zu nutzen. 84 Prozent widersprachen.

Dea Levina erhält nach eigenen Angaben ausschließlich positive Resonanz. Als Hypnose-Therapeutin bringe sie das nötige Fachwissen mit, als privater Fetischfan die Erotikkomponente und als Sängerin eine geschulte Stimme. Dennoch seien gerade die ASMR-Aufnahmen auch für sie eine Herausforderung: „Es ist anstrengend für die Stimme, wenn man immer flüstern muss. Und man sollte auch aufpassen, dass man zum Beispiel ein T oder K nicht zu hart spricht.“

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