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Boulevard

Für immer der Fremde: „Deutschland schafft mich“

Literatur

Sonntag, 15. März 2020 - 12:09 Uhr

von Von Sibylle Peine, dpa

dpa Berlin. Nach Hanau ein bedrückend aktuelles Buch: Michel Abdollahi beschreibt, wie sich Deutschland durch Islamophobie und Rassismus verändert hat.

Moderator Michel Abdollahi beim „Best of Poetry Slam“ in Hamburg. Foto: picture alliance / Georg Wendt/dpa

Michel Abdollahi hat eigentlich immer das Gespräch gesucht, mit Nicht-Muslimen, auch mit Rechten, gerne mit ungewöhnlichen Aktionen. 2015 stellte er sich mitten auf den Hamburger Jungfernstieg, vor sich ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?“.

Doch die Reaktion auf dieses Gesprächsangebot war niederschmetternd. Denn die Passanten reagierten nicht etwa mit Neugier, sondern mit einer kalten Abfuhr. Die häufigste Frage war: „Wann geht dein Rückflug?“ Man wies ihm, dem Hamburger Jung, die Tür.

Eine Erfahrung, die Abdollahi (38), der erfolgreiche Künstler, Journalist und Literat, wie viele andere Migranten immer wieder in seinem Leben machte. Mit fünf Jahren kam der in Teheran geborene Sohn eines Akademikerpaars nach Hamburg, er ging hier zur Schule, machte hier seine Abschlüsse, erwarb die deutsche Staatsbürgerschaft, wurde schließlich bekannt als Poetry-Slammer und Journalist, ein Mann mit „fundiertem Wissen über Hitlers Ostfeldzug und einem sauberen norddeutschen Einschlag in der Sprache“. Abdollahi wurde „vom Ausländer über Migrant zu einem "Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund". Nur Deutscher, das wurde ich nie.“

Warum das so ist und was das mit dem grassierenden Rassismus zu tun hat, beschreibt er in seinem Buch „Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin“. Obwohl Abdollahi zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nichts von dem Hanauer Attentäter wissen konnte, scheint diese terroristische Tat wie zuvor schon die Ermordung von Walter Lübcke oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle seine Thesen aufs Traurigste zu bestätigen. Islamophobie, Antisemitismus und Rassismus, die es schon immer gab, sind inzwischen zur mörderischen Bedrohung durch die Neue Rechte geworden.

„Mittlerweile“, schreibt Abdollahi, „haben wir ein Deutschland geschaffen, in dem Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder auch anderer Ansicht auf offener Straße beleidigt, beschimpft, verprügelt, abgestochen oder erschossen werden.“ Aber das alles ist nicht vom Himmel gefallen, sondern hat eine lange Vorgeschichte.

Als Betroffener schildert Abdollahi sehr eindrücklich die Versäumnisse deutscher Politik, die Migranten allzu oft nicht als gleichberechtigte Bürger mitnahm, als fremd markierte und auf der anderen Seite rechtsextremistische Entwicklungen verharmloste. Ein entscheidender negativer Wendepunkt ist für ihn das 2010 erschienene Sarrazin-Buch „Deutschland schafft sich ab“, auf das sich der Titel seines eigenen Buches „Deutschland schafft mich“ natürlich direkt bezieht. Sarrazin war eine Art Dammbruch, Ressentiments und Rassismus waren plötzlich wieder gesellschaftsfähig. Den Rest erledigten die sozialen Medien und die AfD.

Harsche Kritik übt Abdollahi an den etablierten Medien, speziell den Talkshows und ihrer „völlig außer Kontrolle geratenen Debattenkultur“. Man hätte Höcke und Co. „niemals die Möglichkeit geben dürfen, vor einem Millionenpublikum zu sprechen, denn ihre Absichten waren damals schon glasklar. Aber die Sorge vor den Sorgen der Besorgten führte in weiten Teilen der Medienlandschaft zu einem Totalausfall, der bedauerlicherweise in Teilen noch immer anhält. Man lädt sie weiter munter ein. Man springt über ihre Stöckchen.“

Mit Rechten reden, das scheute Abdollahi einst selbst keineswegs. Bekannt ist sein vierwöchiger Ausflug in das Nazidorf Jamel in Mecklenburg, wo er im Sommer 2015 als Reporter von „Panorama“ versuchte, mit Nazis ins Gespräch zu kommen, was zum Teil zu bizarren Dialogen und Situationen führte. Heute spricht er, der seit langem Opfer von rechten Hasskampagnen im Internet ist, nicht mehr mit Extremisten. Rassismus, Hass und Menschenverachtung sind für ihn keine zu diskutierende Meinung, Punkt.

Abdollahi verknüpft überzeugend und sehr berührend seine eigene Biografie mit der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten. Er hat ein kluges, engagiertes, teilweise auch bedrückendes Buch geschrieben, das vor allem „die Anständigen“ in diesem Land wachrütteln und alarmieren will.

Michel Abdollahi: Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin, Hoffmann und Campe, Hamburg, 256 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-455-00893-7

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