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Boulevard

Gurlitt-Schau in Bonn: Große Kunst mit dunklem Schatten

Ausstellungen

Donnerstag, 2. November 2017 - 10:49 Uhr

von Von Dorothea Hülsmeier, dpa

dpa Bonn. Gerüchte und Geheimnisse umwittern die Sammlung des einstigen NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Nun wird der „Schwabinger Kunstfund“ erstmals öffentlich gezeigt. Ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte wird aufgeschlagen. Viele Fragen bleiben offen.

Von 1500 Werken des Gurlitt-Fundes sind bisher sechs als Raubkunst identifiziert worden. Allerdings ist bisher nur knapp die Hälfte des Bestandes erforscht worden. Foto: Oliver Berg

Es ist wie ein Gang durch die Kunstgeschichte der vergangenen 500 Jahre. Hier ein Cranach, dort Albrecht Dürer, Carl Spitzweg, ein Meeres-Gemälde von Édouard Manet, Claude Monets „Waterloo Bridge“, Zeichnungen von Adolph von Menzel, Edvard Munch, Edgar Degas, Eugène Delacroix.

Und dann die Expressionisten wie Otto Dix oder Karl Schmidt-Rottluff. Tausende Bilder gingen durch die Hände von Hildebrand Gurlitt (1895-1956), der einer der wichtigsten Kunsthändler Adolf Hitlers war.

Erstmals wird ein Ausschnitt der Sammlung Gurlitts, die 2012 unter zweifelhaften rechtlichen Umständen bei dessen Sohn Cornelius Gurlitt (1932-2014) beschlagnahmt worden war, nun der Öffentlichkeit präsentiert. Nach Eröffnung des ersten Teils in Bern mit von den Nazis als „entartet“ verfemter Kunst sind nun rund 250 Werke mit größerer kunsthistorischer Bandbreite in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen. Der Bonner Teil ist auch weitaus umstrittener: Die Ausstellung spürt der Verbindung Hildebrand Gurlitts zum Kunstraub der Nationalsozialisten nach.

Die Doppelausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ in Bern und Bonn ist eine der spektakulärsten der letzten Jahre. Es geht dabei aber nicht um ihre kunsthistorische Bedeutung oder den finanziellen Wert - die meisten Werke sind ohnehin Papierarbeiten. Vielmehr will diese weltweit auf immenses Interesse stoßende Schau versuchen, Licht in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte zu bringen. Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sind beide Ausstellungen in Bern und Bonn „ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Etwa die Zeichnung „Das Klavierspiel“ von Carl Spitzweg: Sie stammte aus der Sammlung des Leipziger Musikverlegers Henri Hinrichsen. Gurlitt hatte sie Anfang 1940 für 300 Reichsmark von Hinrichsen gekauft, bevor dieser nach Brüssel flüchtete und später im NS-Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Die Familie Hinrichsen fragte nach dem Krieg nach dem Verbleib. Gurlitt antwortete per Brief, das Bild sei verbrannt. Es war eine Lüge. 2012 tauchte der Spitzweg im „Schwabinger Kunstfund“ auf. Das alles wird mit originalen Dokumenten aus dem ebenfalls bei Cornelius Gurlitt gefundenen Archiv des Vaters dokumentiert.

Das Spitzweg-Bild ist eines von sechs Werken, die bisher als NS-Raubkunst identifiziert wurden. Doch erst gut 40 Prozent der insgesamt rund 1500 Werke des Bestandes sind bislang auf ihre Provenienz untersucht worden. „Die Herkunft von mehr als 50 Prozent der Werke ist noch nicht geklärt“, sagt die Kuratorin Agnieszka Lulinska. Das bedeutet allerdings nicht, dass das alles Raubkunst ist. Unter jedem Bild steht eine Provenienz-Legende, und sehr oft ist der Satz zu lesen: „Aktuell kein Raubkunstverdacht.“

Die Arbeit der Provenienzforscher am Gurlitt-Fund stößt jedoch oft an Grenzen. „Jedes Werk, das geklärt wird, ist ein großer Gewinn, jedes Werk, das nicht geklärt werden kann, ist ein Schatten der Vergangenheit“, sagt Lulinska. In dem Moment, wo es Lücken gibt, vor allem zwischen 1933 und 1945, könne man einen Raubkunstverdacht nicht ausschließen. „Nur ob man den klären kann, das bleibt die große Frage.“

Gurlitt, der selbst eine jüdische Großmutter hatte und seine Museumsposten unter den Nazis verlor, verkaufte nicht nur ganz legal die in den Museen beschlagnahmte sogenannte „entartete Kunst“, sondern er wurde auch Einkäufer für Hitlers in Linz geplantes „Führermuseum“. „Wir versuchen, nicht zu bewerten, aber es ist klar: Gurlitt hat die Möglichkeiten genutzt und davon profitiert“, sagt Lulinska. „Da flossen richtig hohe Summen.“

Gurlitt kaufte in Frankreich über private Mittelsmänner und Zwischenhändler. Auch das macht die Recherche so schwierig. „Bei vielen Bildern weiß man einfach nicht, wann er sie gekauft hat, vom wem genau“, sagt Lulinska. Und: Gurlitt frisierte seine Geschäftsbücher, er verschleierte in seiner Korrespondenz und er belog nach dem Krieg auch die Alliierten über seinen Kunstbesitz.

So kommt es, dass man in der Bonner Ausstellung die teils wunderbaren Bilder nicht als große Kunst auf sich wirken lassen kann und soll. Der Blick geht immer in das Kleingedruckte darunter: Woher kam der Tiepolo? Wann kaufte Gurlitt den Manet?

Auch einige Bilder für das „Führermuseum“ in Linz - etwa ein Rubens-Gemälde - hängen an den Wänden. Der Rubens gehört zwar nicht zum Fund, aber er steht beispielhaft für Gurlitts Wirken als Chefeinkäufer Hitlers, denn das Meisterwerk ging auch durch seine Hände. In einer Vitrine liegt eines der „Linzer Alben“ für Hitlers Gemäldegalerie. In Band 30 sind zwölf Einlieferungen von Gurlitt verzeichnet.

Oft konnten die Forscher nicht klären, was vor 1945 mit den Bildern geschehen war. Dann stehen da nur drei Punkte in Klammern und die Angabe: „Spätestens 1945: Hildebrand Gurlitt“. So etwa bei einem farbenfrohen „Straßenbahn“-Aquarell von Bernhard Kretzschmar. Mit der Doppelschau, die auch im Berliner Gropiusbau gezeigt werden soll, verbinden die Forscher die Hoffnung auf Klärung weiterer Fälle. „Die Vorstellung, dass bestimmte Dinge sich nicht klären lassen, ist schwer auszuhalten“, sagt Lulinska. „Aber Fragen werden auch hier bleiben. Damit muss man sich abfinden.“


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