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„Habe geweint“: Plácido Domingo wird 80

Musik

Donnerstag, 21. Januar 2021 - 00:11 Uhr

von Von Emilio Rappold, dpa

dpa Madrid. Ein halbes Jahrhundert lang wird Plácido Domingo überall auf der Welt vergöttert. Dann bekommt das Image des „Königs der Oper“ Kratzer. Doch er blickt wieder optimistisch in die Zukunft. In der Heimat hat er noch eine Rechnung offen.

Star mit Kratzern: Plácido Domingo wird 80. Foto: Britta Pedersen/dpa

Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag gibt Opernstar Plácido Domingo Einblicke in seine Leidenszeit. „Ich habe geweint, als ich nach fünf Monaten fern der Bühnen wieder gesungen habe“, zitierte ihn die spanische Zeitung „La Razón“ groß auf Seite eins.

Die ersten Auftritte nach einer Zwangspause wegen der Pandemie und einer Covid-Erkrankung liegen bereits fünf Monate zurück - aber er sei immer „noch bewegt“, wenn er daran denke. Der Spanier, der in seiner gut 60-jährigen Karriere mit Lobeshymnen wie „König der Oper“, „bester Tenor aller Zeiten“ oder „lebende Legende“ überhäuft wurde, wird an diesem Donnerstag (21. Januar) 80 Jahre alt.

Nicht nur das Virus machte 2020 für den Sänger, Dirigenten und Opernhausdirektor zum „Horrorjahr“, wie die Zeitung „El Mundo“ schrieb. Im Zuge der MeToo-Bewegung hatten Frauen dem „Maestro“ aus Madrid im August 2019 teils Jahrzehnte zurückliegende sexuelle Belästigung vorgeworfen. Die meisten taten das anonym, Anzeigen wurden nicht erstattet. Aber die vermeintlichen Affären hatten trotzdem erhebliche Folgen - und die Nachwehen zogen sich weit ins vorige Jahr hinein.

Eine von der Oper in Los Angeles beauftragte Untersuchung kam im März zu dem Ergebnis, dass bestimmte Vorwürfe des „unangemessenen Verhaltens“ glaubwürdig seien. Auch eine Untersuchung des US-Verbands der Musikkünstler (AGMA) vom Februar 2020 kam zu dem Schluss, dass Domingo „unangemessene Aktivitäten“ vom Flirt bis hin zu sexuellen Avancen ausgeübt habe. Nach den Vorwürfen war Domingo im Oktober 2019 als Chef der Oper in Los Angeles zurückgetreten.

Der Vater dreier Söhne und mehrfache Großvater versichert, er habe „niemals jemanden belästigt“. Er verurteile sexuelle Belästigung „in jeder Situation, an jedem Ort und zu jeder Zeit“. „El Mundo“ sagte Domingo jetzt, er habe „eine schlimme Zeit“ erlebt, die aber überwunden sei. Die Zuneigung und die Solidarität von Freunden und Kollegen, aber auch von fremden Menschen habe er genossen.

Inzwischen sind die anklagenden Stimmen weitgehend verstummt. Es gab mehrere Auftritte in Italien, und auch in Wien, Monte-Carlo, Moskau und Sankt Petersburg löste er - wenn auch coronabedingt vor ungewohnt kleinem Publikum - Ovationen aus. Gemäß dem Motto „Wenn ich raste, dann roste ich“, das Domingo auch auf Instagram propagiert, stehen in den nächsten Monaten mehrere Präsentationen in Europa auf dem Programm. Unter anderem ein Konzert am 6. März im Festspielhaus Baden-Baden. Nur nicht in seinem Heimatland. Warum?

Domingo hat in Spanien eine Rechnung offen. Sein letzter Auftritt dort war Ende 2019 in Valencia - weil das Kulturministerium wegen der MeToo-Vorwürfe im vorigen Jahr so etwas wie eine Art „Bann“ gegen den einst vergötterten Sänger aussprach. Eine „Blockade“, wie „El Mundo“ schrieb. „Das tat natürlich weh“, räumte Domingo im Interview der Zeitung „ABC“ ein. Er sei aber zuversichtlich, bald mit den zuständigen Behörden sprechen zu können. „Eine ehrliche Klärung im persönlichen Gespräch“ sei „unerlässlich“.

Auf der Bühne muss Domingo derweil längst nichts mehr beweisen. Während das Repertoire seines Vorbildes Enrico Caruso (1873-1921) 40 Rollen umfasste, sang er mehr als 150 Partien. In Wien erhielt er einmal einen Applaus von 80 Minuten und ca. 100 Vorhänge. Nach eigener Schätzung trat er 4000 Mal auf. Er begeisterte als Otello, Parsifal, Lohengrin, Nabucco oder Rigoletto nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit seinem Charisma, seiner Schauspielkunst und der starken Bühnenpräsenz. Am häufigsten präsentierte er sich in der Metropolitan Opera in New York, wo er 1968 den internationalen Durchbruch geschafft hatte. Im Zuge der MeToo-Vorwürfe trennten sich die Wege von Met und Maestro nach 51 Jahren.

Seine größten kommerziellen Erfolge feierte Domingo, der als Kind eher Stierkämpfer oder Fußballprofi werden wollte, als einer der „Drei Tenöre“. Zusammen mit seinem Landsmann José Carreras (74) und dem 2007 mit knapp 72 Jahren verstorbenen Italiener Luciano Pavarotti trug er dazu bei, klassische Musik und Oper populärer zu machen. Domingo blickt wehmütig zurück: „Das war eine glückliche Zeit mit José und Luciano“, sagte er „El Mundo“. „Wir waren immer am Scherzen ... Wir vermissen Luciano wirklich sehr!“

Der Gesang war dem kleinen Plácido sozusagen in die Wiege gelegt worden. Seine Eltern waren Sänger an einer Madrider Zarzuela-Bühne, der spanischen Version eines Operettenhauses. Als Domingo acht Jahre alt war, wanderten die Familie aus beruflichen Gründen nach Mexiko aus, wo er nicht nur musikalisch ausgebildet wurde. Dort lernte er auch seine Frau Marta (heute 86) am Konservatorium kennen.

An „Rente“ denkt Domingo auch mit 80 nicht. „Das Alter ist keine Ausrede dafür, dass man die Begeisterungsfähigkeit verliert oder nicht weiter träumt.“ Die Bühne sei sein Leben. Er versuche, mit täglicher körperlicher Aktivität und gesunder Ernährung in Form zu bleiben. Tribut fordert das Alter aber auch beim „Jahrhundert-Sänger“, wie das Fachmagazin „Das Opernglas“ ihn jüngst nannte: Vor etwa zehn Jahren wechselte der „Tenoríssimo“ ins tiefere Baritonfach: „Auf diese Weise kann ich meine Karriere noch ein wenig verlängern.“

© dpa-infocom, dpa:210117-99-58418/2

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