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Jan Böhmermann: „Gegenwind ist mein zweiter Vorname“

Medien

Donnerstag, 5. November 2020 - 16:51 Uhr

von Interview: Jonas-Erik Schmidt, dpa

dpa Köln. Jan Böhmermann kehrt zurück ins Fernsehen - zwar in denkbar seltsamen Zeiten, diesmal allerdings direkt im ZDF-Hauptprogramm. Was will er mit seiner neuen Bühne anfangen? Ein Gespräch über Satire in Corona-Zeiten.

Jan Böhmermann wechselt ins ZDF-Hauptprogramm. Foto: Jens Koch/ZDF/dpa

Bevor Jan Böhmermann (39) wieder auftaucht, taucht er erstmal ab. In den vergangenen Tagen gingen die Social-Media-Kanäle des Satirikers bei Twitter, Instagram und Facebook zeitweise offline.

Stattdessen erschien plötzlich ein Kanal mit dem Namen „realjanboehmermann“ beim Messengerdienst Telegram, der als sichere Plattform für Menschenrechtler, Whistleblower und Journalisten interessant ist - aber auch ein Tummelbecken für Anhänger von Verschwörungstheorien.

Was es damit auf sich hat? Mal sehen. Seine neue Show „ZDF Magazin Royale“ startet am Freitag (6. November, 23 Uhr, ZDF) und löst Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ ab, das jahrelang im Spartensender ZDFneo beheimatet war. Heißt: Böhmermann hat es tatsächlich ins ZDF-Hauptprogramm geschafft. Mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er über seinen Weg zum „Licht“, die neuen Grenzen seiner Show und warum ihn die Corona-Pandemie an seinen Zivildienst erinnert.

Frage: Herr Böhmermann, Sie haben Ihre Social-Media-Kanäle offline genommen (Anm.: mittlerweile sind sie wieder online). Zeitgleich tauchte im Messengerdienst Telegram - einer Art Zufluchtsort für Menschen, die Verschwörungserzählungen anhängen - ein neuer Kanal unter dem Namen „realjanboehmermann“ auf. Was hat es damit auf sich?

Antwort: Das ist mein neuer Telegram-Kanal. Ich habe das Licht gesehen. Folgen Sie mir, wenn Sie wissen möchten, was dahinter steckt.

Frage: Die letzte Ausgabe Ihres „Neo Magazin Royale“ lief Mitte Dezember 2019. Seitdem hat sich die Welt sehr verändert, Stichwort Corona. War es für Sie eher gut oder eher schlecht, in dieser Zeit nicht auf Sendung gewesen zu sein?

Antwort: Letztlich war das ganze letzte Dreivierteljahr eine große Promo-Phase für unseren Sendungsstart. Jetzt kann ich ja verraten: Das war alles von langer Hand geplant. Wir haben damals sehr aufwendig in Wuhan ein Virus in die Welt gesetzt, damit wir am 6. November sagen können: Leute! Riesen-Fake! Willkommen im ZDF!

Frage: Sagen Sie das nicht so leichtfertig, es gab Zeiten, in denen man Ihnen selbst das womöglich zugetraut hätte. Aber formulieren wir es anders: Was ist denn der Unterschied zwischen dem alten „Neo Magazin Royale“ und dem neuen „ZDF Magazin Royale“?

Antwort: Der große Unterschied ist, dass wir - nachdem wir lange nur geübt haben - jetzt wirklich in den Fußstapfen von Gerhard Löwenthal und seinem „ZDF-Magazin“ wandeln. Wir werden ein antikommunistisches Bollwerk gegen den Verfall der Bundesrepublik sein! Im Ernst: Die Sendung wird etwas fokussierter, sie wird etwas kürzer. Wir sind thematisch etwas stärker aufgestellt.

Frage: Gerhard Löwenthal hat zu Beginn des „ZDF-Magazins“ gesagt, die Sendung werde „unerbittlich“ nach „schadhaften Stellen in unserer Demokratie fahnden“ und „furchtlos“ Stellung beziehen. Ist das auch Ihr Anspruch?

Antwort: Tatsächlich habe ich mir auch die ersten Sendungen von Löwenthal angeschaut. Und der Anspruch ist exakt der gleiche. Nur dass wir ein bisschen lustiger sind.

Frage: Dann rechnen Sie sicherlich auch mit Gegenwind.

Antwort: Ganz ehrlich: Gegenwind ist mein zweiter Vorname. Das ist die Werkseinstellung von all dem, was meine Kolleginnen, Kollegen und ich seit Jahren machen.

Frage: Es bleibt aber eine Unterhaltungsshow, man darf da schon lachen, oder?

Antwort: Absolut! Ich bin auch nichts anderes als ein Unterhalter. Ich habe nur den Nachteil, dass ich vor vielen Jahren eine journalistische Ausbildung genossen habe.

Frage: Verspüren Sie so etwas wie Druck, weil jetzt jeder einen großen Aufschlag erwartet, weil Sie nun ja endlich im Hauptprogramm sind? Das haben Sie oft eingefordert. Sie müssen jetzt liefern.

Antwort: Wenn meine Kolleginnen, Kollegen und ich in den letzten Jahren etwas gemacht haben, dann war es liefern. Die Frage ist nur immer: Was wird geliefert? Am Liefern liegt es nicht. Wir werden auch mit der neuen Sendung zwischen „Scheiße“ und „Richtig gut“ pendeln.

Frage: Sie sagen, dass in der Vergangenheit rund 100 Leute an der Sendung gearbeitet haben und dass das auch so bleiben werde. Was ist denn der Vorteil für Sie, dass Sie jetzt im großen Hauptprogramm laufen? Die Sichtbarkeit? Dass Sie Ihrer Oma davon erzählen können?

Antwort: Für meine Omas - ich habe mehrere - ist es auf jeden Fall wichtig. Die wollen endlich mal abends, wenn sie noch mal raus müssen, im ZDF ihren Enkel sehen. Und tatsächlich ist es so, dass sehr viele Menschen die „heute-show“ gucken, selbst wenn es schlecht läuft. Wir folgen dann direkt danach. Ich sag es mal so: Im Internet lief es für das „Neo Magazin Royale“ schon immer gut, im Fernsehen waren wir ein bisschen an die Grenzen von ZDFneo gebunden. Die fallen jetzt weg.

Frage: Die Vorbereitung fiel in Zeiten, in denen persönlicher Kontakt gemieden werden sollte. War das kompliziert?

Antwort: Es ist ein großes Glück, dass wir einen Job haben, bei dem es zwar schön ist, in einem Raum zu sitzen und sich lustig Bälle hin und her zu schmeißen. Aber den kann man im Zweifel auch von zu Hause aus erledigen. Das ist in Corona-Zeiten ein ganz, ganz großes Glück. Der einzige Nachteil ist, dass wir eigentlich eine Sendung hätten, in die Publikum gehört und ein 16-köpfiges Orchester spielen soll, inklusive Bläser, die als Aerosol-Schleudern gelten. Wie das in den ersten Ausgaben aussehen wird, das wissen wir noch nicht. Es kann sein, dass wir improvisieren müssen.

Frage: Wie würden Sie die Stimmung im Land so allgemein beurteilen?

Antwort: Ich bin Jahrgang 1981 und habe noch Zivildienst geleistet. Ich würde die Zeit, die wir gerade erleben, als kollektiven Zivildienst betrachten, von dem man weiß, dass er noch eine Weile geht. Man wird zwangsweise zu etwas verpflichtet, was nicht das normale Leben ist - man weiß aber, dass es irgendwann auch vorbei sein wird. Ich glaube sogar, der Zeitraum ist ungefähr wie mein Zivildienst, das waren 15 Monate. Dass es innerhalb dieser Zeit Höhen und Tiefen gibt, ist auch klar.

Frage: Kann man über Corona Witze machen?

Antwort: Natürlich kann man über Corona Witze machen! Das muss man sogar. Da gilt: Eine Tragödie über lange Zeit kann nur in Komödie enden. Und auch Schmerz lässt sich am einfachsten in Comedy umwandeln. Er ist der Treibstoff für alles. Was bleibt einem auch anderes übrig? Aufregen bringt ja nichts. Das Einzige, was hilft, ist darüber zu lachen.

Frage: Es gab zuletzt den Fall des Schlagersängers Michael Wendler, der sich zur Corona-Pandemie äußerte und Fernsehsender beschuldigte, „gleichgeschaltet“ zu sein. Sind Menschen in der Unterhaltungsbranche anfälliger für Verschwörungstheorien als andere?

Antwort: Ich kann mir schon vorstellen, dass man nach Wochen in der Corona-Isolation bei Telegram Dinge finden kann, die einen theoretisch vom Weg abbringen können. Und ich glaube, dass ich als aufgeschlossener, naiver Showbusiness-Typ schon anfälliger dafür bin, weil ich sowieso nah am Wahnsinn gebaut bin und mich solche Strukturen schnell reinziehen. Vor allem, wenn man keinen hat, der sagt: „Hör' mal auf jetzt!“. Dann ist das schneller passiert, als es einem lieb ist.

Frage: Sie haben in Ihrer Show oft mit sogenannten Fakes gespielt. Sprich: Dem Vorgaukeln von Wahrheit, bis niemand mehr wusste, was noch Realität oder Erfindung ist. Kann das in Zeiten, in denen Verschwörungstheorien grassieren, noch ein Mittel sein?

Antwort: Nein. Das Thema Fake ist auserzählt. Sowas würde ich nicht mehr machen.

ZUR PERSON: Jan Böhmermann ist ein vielfach (unter anderem mit dem Grimme-Preis) ausgezeichneter Moderator und Satiriker. Er wurde in Bremen geboren und lernte dort auch bei Radio Bremen das journalistische Handwerk. Bekannt wurde er vor allem mit seiner Sendung „Neo Magazin Royale“, deren Beiträge oft große Wellen schlugen. 2016 wurde dort die sogenannte Böhmermann-Affäre ausgelöst, als der Moderator ein Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aufsagte. Mit Musiker Olli Schulz plaudert er zudem regelmäßig im Podcast „Fest & Flauschig“ auf Spotify.

© dpa-infocom, dpa:201105-99-225134/2

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