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Boulevard

Jazz-Pianist Fred Hersch ganz privat

Musik

Samstag, 23. September 2017 - 06:11 Uhr

von Von Annette Meinke-Carstanjen, dpa

dpa Berlin. Fred Hersch steht der Welt ganz offen gegenüber. Mit seinem neuen Album hat er jetzt auch ein Fenster zu seinem Zuhause geöffnet.

Jazz-Pianist Fred Hersch lässt die Dinge heute einfach laufen. Foto: Vincent Soyez

Es gibt viele gute Jazz-Pianisten. Aber das Talent, komplexe Zusammenhänge einfach und klar zu erzählen, ist äußerst selten. Fred Hersch kann das wie kein anderer. Er ist ein wahrer Lyriker.

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Oder wie Musikerkollege Jason Moran es kürzlich sagte: „Fred am Klavier ist wie LeBron James auf dem Basketball Court. Er ist vollkommen.“ Das hat der fast 62-Jähriger innerhalb der letzten Jahrzehnte auf mehr als 40 Alben als Band- und Co-Leader bewiesen.

Jetzt ist das elfte Solo-Album des US-Amerikaners „Open Book“ (Palmetto Records) erschienen, und parallel dazu auch seine Autobiografie „Good Things Happen Slowly - A Life and Out of Jazz“ (Pinguin Random House).

Sieben Songs hat Fred Hersch für „Open Book“ gewählt. „Es ist Musik, die ich gerne für mich privat spiele und normalerweise nicht in der Öffentlichkeit,“ sagte der Musiker dem Plattenlabel. Er sehe das Album als ein Fenster in seine Welt zuhause. Diese Offenheit überrascht nicht, war Hersch doch schon vor Jahrzehnten einer der ersten Jazzmusiker, der keinen Hehl aus seiner Homosexualität und einer HIV-Infektion machte. „Ich bin in den vergangenen 25 Jahren sehr offen damit umgegangen, wer ich bin, was mir gefällt und mit welchen Schwierigkeiten ich von Zeit zu Zeit zu kämpfen hatte,“ sagte Hersch.

Und so eröffnet der Musiker sein Hauskonzert mit „The Orb“. Grundlage für den Song ist ein Traum, den Hersch infolge eines fast zweimonatigen Komas im Sommer 2008 hatte. Nach diesem körperlichen Zusammenbruch musste der Pianist viele Dinge neu lernen, auch das Klavierspiel. Heute, sagt er, fühle er sich besser denn je. „Ich denke nicht mehr darüber nach, wer ich sein will und was ich machen sollte. Ich meine, eigentlich dürfte ich gar nicht mehr am Leben sein, ich dürfte keine Musik machen und erst recht nicht an der Weltspitze stehen,“ sagte er in einem Interview mit „Jazzthing“ (2015). Er lasse die Dinge heute einfach laufen.

Auch musikalisch. Am liebsten wählt er irgendein Thema und spielt darüber seine empathisch melodisch klingenden Variationen. Hersch erzählt die Musik jedes Mal neu, sei es Eigen- oder Fremdmaterial wie „Whisper Not“, eigentlich eine Hardbop-Nummer von Saxophonist Benny Golson oder der Latin-Song „Zingaro“ (auch bekannt als „Portrait in Black and White“) von Antonio Carlos Jobim.

Höhepunkt des Solo-Albums, und die mit Abstand längste Nummer mit fast 20 Minuten, ist „Through The Forest“. Aufgenommen wurde das Stück live in einer Konzerthalle in Seoul, Südkorea, im November 2016. „Ich hatte verschlafen,“ erzählte Hersch dem US-amerikanischen Musikmagazin Downbeat. „Ich war nicht in meiner normalen Verfassung, ein Solo-Konzert zu spielen. Ich ging auf die Bühne und sah dieses Meer von jungen Koreanern im Konzertsaal. Und ich habe mich einfach hingesetzt und angefangen zu improvisieren.“ Später wurde ihm die Aufnahme zugeschickt und er schien völlig überrascht zu sein, was er da eigentlich gespielt hatte.

Der schwere und komplizierte Gang durch den Wald, seine „Wiederauferstehung“ löst sich in den Folgestücken „Plainsong“ (Hersch) und „Eronel“ (Thelonios Monk) auf. „And so it goes“ (Billy Joel) - Fred Hersch weiß, wie einem das Leben spielen kann und lässt den Hörer teilhaben an seiner tiefen Erleichterung.

Der in Cincinnati geborene Fred Hersch lebt und arbeitet in New York. Er begann im Alter von vier Jahren das Klavierspiel. Der Musiker arbeitete mit Jazzgrößen wie Stan Getz, Joe Henderson, Gary Burton, Art Farmer und Charlie Haden. Der Pianist und Komponist wurde insgesamt zehn Mal für einen Grammy nominiert. Derzeit ist Hersch auf Tour, auch in Europa. Leider ist bislang kein Konzert in Deutschland eingeplant.


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