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Boulevard

Jörg Endebrock: „Der Michel ist mein Lebenstraum!“

Kirche

Mittwoch, 15. Juli 2020 - 08:52 Uhr

von Von Carola Große-Wilde, dpa

dpa Hamburg. Seit Anfang des Jahres hat der Michel einen neuen Kantor. Wegen Corona wurde der Enthusiasmus von Jörg Endebrock ausgebremst. Jetzt geht es mit dem Hamburger Orgelsommer endlich wieder los.

Jörg Endebrock, Kantor und Organist an der Hauptkirche St. Michaelis, im Hamburger Michel. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

„Es ist etwas Wunderbares, als einzelner Mensch so eine Klangmasse erzeugen zu können“, sagt Jörg Endebrock und zeigt am Spieltisch auf der Nordempore, welche Töne er den einzelnen Orgeln in der St. Michaelis-Kirche entlocken kann.

Der Michel besitzt insgesamt fünf Orgeln: eine Marcussen-Orgel auf der Konzertempore, die große Steinmeyer-Orgel mit 85 Registern, fünf Manualen und 6674 Pfeifen auf der Westempore, in der Krypta die romantische Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Orgel sowie ein Fernwerk mit Generalspieltisch im Dachboden. Am 1. Advent 2010 wurde auf der Südempore die Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel eingeweiht.

„Der Michel ist mein Lebenstraum!“, sagt Jörg Endebrock, der von seinem Spieltisch sämtliche Orgeln bedienen kann. Seit dem 1. Januar ist der 50-Jährige neben seinem Kollegen Manuel Gera neuer Kantor an der St. Michaelis-Kirche und damit Nachfolger von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), Sohn des berühmten Johann Sebastian Bach (1685-1750), und von Georg Philipp Telemann (1685-1750).

Aufgewachsen ist Endebrock in einem Dorf bei Osnabrück. Als er als kleiner Junge eine Schallplatte von Mozart bei seinem Vater entdeckt, ist er sofort elektrisiert. „Ich wollte nur noch Mozart hören - und Musiker werden“, erinnert sich der groß gewachsene Kirchenmusiker lachend. Mit sechs Jahren lernt er Klavier, später Oboe. Als der Organist des Ortes erkrankt, muss er einspringen - er war damals der einzige im Ort, der Klavier spielen konnte. „Ich habe mich sofort in das Instrument verliebt“, erinnert er sich rückblickend.

Zunächst nimmt er Orgelunterricht in Osnabrück, später studiert er evangelische Kirchenmusik in Hamburg und Paris. Im Michel durfte er seine A-Prüfung ablegen. „Als ich das erste Mal hier spielen durfte, war ich voller Ehrfurcht vor diesem wundervollen Raum und diesem wundervollen Instrument“, erinnert er sich. Damals habe er davon geträumt, einmal hier arbeiten zu dürfen.

Sein Enthusiasmus wird durch die Corona-Pandemie jäh unterbrochen. Als Kantor ist Endebrock nicht nur Organist, sondern auch Chorleiter des Chors St.-Michaelis. Und Anfang März mussten alle Proben von jetzt auf gleich abgesagt werden. „Ich hatte schon eine kleine Corona-Depression“, gibt er zu. Gerade zu Ostern wollte er zeigen, was er kann: Neben den Klassikern von Bach und Brahms wollte er selten gespielte Stücke aufführen, am Karfreitag zum Beispiel einen Psalm von Lili Boulanger und ein „Stabat Mater“ von Francis Poulenc.

Seit Mitte Mai geht es jetzt langsam wieder los mit der Kirchenmusik. Dafür wurde der Chor in sechs kleine Gruppen à 15 Personen aufgeteilt, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. „Wir fangen langsam an, damit wir den Kontakt zueinander und zur Musik halten können“, sagt Endebrock. Die meisten Chor-Mitglieder seien sehr dankbar dafür, auch wenn die kleinere Besetzung eine Herausforderung darstellt. „Jetzt kommt es auf jede Stimme an. Aber daran wächst der Chor auch“, ist sich der Chorleiter sicher.

Jeden Tag um 12 Uhr gibt es wieder Orgelmusik im Michel, am Samstag ein kurzes Konzert. Und am Sonntag um 10 Uhr spielen die beiden Organisten im Gottesdienst. Dann jedoch nur vor 150 Besuchern, mehr sind im Moment wegen Corona nicht erlaubt. „Der Michel leidet sehr unter den fehlenden Touristen, die einen Großteil der Einnahmen bringen“, sagt Endebrock. Aber auch hier gehe es langsam wieder los. Am Mittwoch steht die Eröffnung des Hamburger Orgel-Sommers auf dem Programm, der noch bis zum 2. September geht. Im Herbst werde es wohl mit kleineren Besetzungen weitergehen. „Ich arbeite an verschiedenen Szenarien“, sagt der Kantor. „Aber ein großes Brahms-Requiem wird es wohl erstmal nicht geben können.“

© dpa-infocom, dpa:200715-99-795637/3

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