„Mr. Siemens“: Heinrich von Pierer wird 80

Von Von Roland Losch, dpa

dpa Erlangen. Er hat einen Traditionskonzern umgebaut und profitabel gemacht, wurde zugleich vom Betriebsrat hoch geschätzt und stolperte schließlich 2007 über die Schmiergeld-Affäre. Heute staunt Pierer über seine Studenten - und bekommt zum Geburtstag ein dickes Lob.

„Mr. Siemens“: Heinrich von Pierer wird 80

Heinrich von Pierer bei der Eröffnung des Wirtschaftstags im Auswärtigen Amt 2015. Foto: Jörg Carstensen/dpa

„Mir gehts gut, ich kann mich nicht beklagen“, sagt Heinrich von Pierer wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag an diesem Dienstag (26.01). „Ich kann auch noch meinen Sport ausüben, habe einige Beratungsaufträge.“

Von 1992 bis 2007 war er als Vorstands- und Aufsichtsratschef von Europas größtem Elektrokonzern weltweit als „Mr. Siemens“ bekannt. Er sprach vor dem UNO-Sicherheitsrat. Die Bundeskanzler Gerhard Schröder und Angela Merkel ließen sich von ihm beraten. Dann flog die Schmiergeld-Affäre auf, und für ihn begann eine lange Eiszeit.

Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), sagt: „Tragisch ist, dass am Schluss seiner Karriere die Compliance-Affäre war. Das trübt die Sicht auf seine Lebensleistung.“ Aber die sei gut: „Er hat Siemens in die Moderne geführt.“ Vor Pierer sei Siemens ein altehrwürdiges Unternehmen gewesen, das stolz auf die Leistungen seiner Ingenieure war: „Ob's Gewinn abwarf, war nicht so wichtig“. Pierer habe aus dem langsamen Tanker eine Flotte von Schnellbooten gemacht: „Er hat darauf geachtet, dass jeder einzelne Geschäftsbereich auch rentabel ist“, sagt Bergdolt. „Zum 80. sage ich ihm: Gut gemacht - dankeschön!“

Was fällt Heinrich von Pierer heute als erstes ein, wenn er Siemens hört? „Dass sich Siemens natürlich sehr verändert hat. Die alte Firma, wie ich sie gekannt habe, gibt es nicht mehr“, sagt er. „Ich habe ein ganz normales Verhältnis wieder zu Siemens. Ich spreche mit dem ein oder anderen, von Zeit zu Zeit. Sie hören zu, sind sehr höflich.“

Siemens lobt ihn heute, er habe „eine Ära geprägt“ und „entscheidende Weichen für Wachstum und Richtung des Unternehmens gestellt. Wir gratulieren Heinrich von Pierer herzlich zu seinem Geburtstag und wünschen ihm für die kommenden Jahre viel Glück, Gesundheit und Zufriedenheit“.

In Erlangen, wo er am 26. Januar 1941 geboren wurde, wo er sich sein Studium als Sportreporter bei den „Erlanger Nachrichten“ finanzierte, 18 Jahre lang CSU-Stadtrat war und wo er auch heute lebt, da „ist Siemens natürlich an jeder Ecke. Da treffe ich Leute, die mich auch ansprechen und über dieses und jenes Thema reden wollen.“

Der promovierte Jurist und diplomierte Volkswirt fing 1969 bei Siemens in der Rechtsabteilung an, machte in der Kraftwerkssparte Karriere, wurde 1990 in den Konzernvorstand berufen und 1992 zum Vorstandschef.

Mit fast 500 000 Mitarbeitern, aber nur zwei Prozent Umsatzrendite war Siemens manchem Kritiker im Vergleich zum US-Konkurrenten General Electrics damals „zu sozial“. Als Siemens 1997/98 der erste Verlust in der Konzerngeschichte drohte, die Aktionäre auf die Barrikaden gingen und Banker über Pierers Ablösung sprachen, änderte er den Kurs. Er brachte Infineon an die Börse, verkaufte die EDV-Sparte Siemens Nixdorf, brachte die Computersparte in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Fujitsu, die Atomkraftsparte in eines mit der französischen Framatome ein, baute 30 000 Stellen ab und sanierte die Medizintechnik. Siemens expandierte in Asien und ging 2001 in New York an die Börse.

Ein Jahr später ernannte der Erfurter Betriebsrat Pierer zu seinem Ehrenmitglied. Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sagt: „Es zeichnet von Pierer aus, dass er ebenso von der Chefetage wie auch von der Arbeiterschaft geschätzt wurde.“ Unter seiner Führung als Vorstandschef bis 2004 hatte Siemens seinen Umsatz verdoppelt und den Gewinn kräftig gesteigert.

Im Mai 2006 berief Merkel Pierer noch an die Spitze ihres neuen Rats für Innovation und Wachstum. Im November flog dann auf, dass Siemens-Manager illegal Bestechungsgelder für Aufträge im Ausland gezahlt hatten. Rund 1,3 Milliarden Euro waren über schwarze Kassen geflossen. Aufsichtsratschef Pierer musste seinen Hut nehmen.

Bergdolt und die IG Metall begrüßten das. Betriebsratschef Ralf Heckmann bedauerte es, weil Pierer sich wie kein anderer für die Arbeitnehmer und den Standort Deutschland eingesetzt habe. Siemens forderte Schadenersatz und drohte mit einer Klage. Pierer bestritt jede persönliche Schuld, zahlte aber 5 Millionen Euro an Siemens. Die Staatsanwaltschaft fand keinen Hinweis auf eine Straftat Pierers und stellte auch ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen Zahlung eines Bußgelds ein.

An der Universität Nürnberg-Erlangen gibt Pierer heute Seminare an seiner alten Fakultät. „Dieses Semester geht es um die Neuausrichtung von Unternehmen“, sagt er und staunt über seine Studenten und Studentinnen: „Ich hätte das nicht gekonnt, so aufzutreten in dem Alter.“ Gerade hat er ein Buch fertiggeschrieben, es erscheint im März, ein launiger Ratgeber für Chefs und Untergebene.

Der ehemalige bayerische Tennis-Jugendmeister hat auch 2020 für seinen Verein Punktspiele ausgetragen, „wie jedes Jahr, schon seit 70 Jahren hintereinander“. Und „auf meine alten Tage bin ich meiner Frau gefolgt, die angefangen hat, Golf zu spielen. Und dann gehe ich immer noch zum Skifahren mit meinen Kindern und Enkeln“, sagt Pierer. Aber das Alter fordere Tribut. „Die Berge werden immer höher.“

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