Neil Young & Crazy Horse: Ein „Toast“ auf den Raubein-Rock

Von Von Werner Herpell, dpa

dpa Berlin. Wenn Neil-Young-Fans „Toast“ sagen, dann nicht als Trinkspruch. Sie meinen ein lange verschollenes Studioalbum ihres Helden mit der legendären Raubein-Band Crazy Horse. Mit gut 20 Jahren Verspätung erscheint das Werk endlich - und es hält dem Mythos stand.

Neil Young & Crazy Horse: Ein „Toast“ auf den Raubein-Rock

Neil Young durchforstet sein Archiv. Foto: Rebecca Cabage/Invision/AP/dpa

Stolze 76 Jahre alt ist Neil Young inzwischen. Obwohl Haare und Stimme dünner geworden sind, bleibt der Sänger, Songwriter und Gitarrist ein vitales Rock-Monument. Bei herzhaft lärmenden Konzerten kämpft der Kanadier eindrucksvoll gegen das Alter an.

Zugleich wirft der unverwüstliche Hippie in immer kürzerer Folge Archivmaterial, bis dato ungehörte Live-Raritäten und brandneue Musik auf den Markt. Nicht alles davon ist essenziell - das endlich veröffentlichte, sagenumwobene Album „Toast“ aber ganz sicher.

Das gut informierte britische Rock-Magazin „Mojo“ hatte schon Anfang des Jahres den richtigen Riecher und deutete an, dass die mit Youngs legendärer Begleitband Crazy Horse eingespielten Songs von 2001 bald erscheinen könnten. Der seit mehr als 50 Jahren aktive Musiker, dessen Tresor ähnliche Schätze birgt wie der des 2016 gestorbenen Genies Prince, sagte dazu: „Das ist eine einzigartige und großartige Platte. Es ist nur so, dass (...) das neue Zeug immer den Vorrang vor dem alten hat. Aber „Toast“ ist jedenfalls fertig und startklar.“

Raubeinige Gitarrenkracher

Nur sieben Songs enthält das Album und kommt doch auf eine üppige Laufzeit von rund 55 Minuten. Fans von Neil Young & Crazy Horse dürfen sich also wieder über epische, raubeinige Gitarrenkracher freuen. Bei neueren Studioaufnahmen dieses gerade auch live unschlagbaren Rock-Quartetts rechtfertigten solche Tracks nicht immer ihre enorme Länge - für „Gateway Of Love“ (gut zehn Minuten) oder „Boom Boom Boom“ (über 13 Minuten) gilt das aber nicht. Und auch die restlichen Lieder sind fabelhaft: kein Füllmaterial, nur „Killer“.

Drei der „Toast“-Stücke waren bisher noch nie auf Young-Alben zu hören. Die vier anderen Titel erschienen 2002 auf der wütenden 9/11-Anklage „Are You Passionate?“ - allerdings in teils zahmeren oder auch neu betitelten Versionen. Denn für den zweiten Anlauf im Studio hatte der Sänger die Crazy-Horse-Kumpels weitgehend durch seine andere, weniger ruppige Begleitband Booker T. & The MG's ersetzt. Leider war das Feuer der ursprünglichen Aufnahmen aus dem titelgebenden Toast Studio von San Francisco derweil erloschen.

Nun brennt es wieder in den gut 20 Jahre alten Originalen. Auch für langjährige Neil-Young-Kenner dürfte überraschend sein, wie lässig sich der seit langem in Kalifornien lebende Singer-Songwriter mit seinen drei „verrückten Pferden“ Frank „Poncho“ Sampedro (Gitarre), Billy Talbot (Bass) und Ralph Molina (Schlagzeug) hier auf eher ungewohntes Terrain begab.

Neben dem typischen elektrisch britzelnden Gitarren-Folkrock von Neil Young & Crazy Horse („Standing In The Light Of Love“, „Goin' Home“) sind sanfter Soul (im Opener „Quit“), coole Latin-Rhythmen („Gateway Of Love“) sowie Blues mit Jazztrompeten-Verzierung („Boom Boom Boom“) zu hören. Die melancholische Ballade „How Ya Doin'?“ gehört zu den schönsten in Youngs neuerem Repertoire.

Beziehung in der Krise

Der Sänger durchlebte um die Jahrtausendwende eine Ehekrise - die schwermütige bis verzweifelte Stimmung der Lieder war dann wohl auch ein Grund, sie nicht komplett ins öffentliche Scheinwerferlicht zu stellen. Young schrieb dazu im vorigen Jahr: „Die Musik auf „Toast“ handelt von einer Beziehung. In vielen scheiternden Beziehungen gibt es eine Zeit lange vor der Trennung, in der es einem der beiden Beteiligten, womöglich sogar beiden, dämmert, dass es vorbei ist. Um diese Zeit geht es.“ 2014 reichte er nach 36 Ehejahren die Scheidung von Pegi Young ein, die bei den „Toast“-Liedern von 2001 im Hintergrund mitgesungen hatte.

Gitarrist Sampedro (73), bei Crazy Horse aus gesundheitlichen Gründen inzwischen von Nils Lofgren (71) ersetzt, erinnert sich im Magazin „Uncut“ an die besondere Atmosphäre im heruntergekommenen Toast Studio. Er sieht das resultierende Album heute als Meilenstein einer 50-jährigen Zusammenarbeit. „Wir spielten uns durch alle Genres (...). Neils Texte sind wirklich bewegend. Die Art, wie er seinen Gesang benutzte, war so kreativ. Es ist einfach unfassbar schön.“

Dieses sehr persönliche, lange als verschollen geltende Album wird also wohl viele Fans versöhnen, die über Youngs Output mit Crazy Horse oder auch mit der Nachwuchstruppe Promise Of The Real zuletzt nicht ganz glücklich waren. Seit dem radikal ausufernden „Psychedelic Pill“ (2012) klang jedenfalls keines der vielen Alben des Meisters so durchweg überzeugend. Nur die mit Klassikern gespickte Live-Platte „Way Down In The Rust Bucket“ von 2021 versprühte ähnliche Magie, diese Konzertaufnahmen sind freilich auch schon 30 Jahre alt.

Da Neil Young seine Zeit offenkundig mit viel Arbeit füllen will, dürften demnächst weitere Alben folgen. Aus informierten Kreisen hieß es, er habe nach dem weltweit erfolgreichen „Barn“ (2021) noch ein frisches Werk mit Crazy Horse im Kasten. Mit Promise Of The Real präsentiert Young am 5. August das Live-Album „Noise & Flowers“.

Und dann jährt sich 2022 zum 50. Mal die Veröffentlichung seines Bestsellers „Harvest“ inklusive des Superhits „Heart Of Gold“ - eine erweiterte Neuauflage wäre da wohl keine Überraschung.

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