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Boulevard

Neil Youngs Archiv-Trüffel sind „Homegrown“

Musik

Freitag, 26. Juni 2020 - 11:22 Uhr

von Von Werner Herpell, dpa

dpa Berlin. Neil Young ist mal wieder ins Archiv gestiegen - und hat dabei einige Trüffel zutage befördert. „Homegrown“ ist ein verschollenes Album aus der besten Zeit des Singer-Songwriters Anfang/Mitte der 70er Jahre.

Neil Young reist in die 70er Jahre zurück. Foto: Nils Meilvang/EPA/dpa

Neil Young gibt sich ungewohnt reumütig: „Ich bitte um Entschuldigung. 'Homegrown' hätte bereits einige Jahre nach 'Harvest' für euch da sein sollen.“ So das Statement des knorrigen Kanadiers (74) zu einem jetzt - 45 Jahre nach den Recordings - veröffentlichten „verschollenen Album“ mit teils unbekannten Songs.

Die Platte ist Teil einer seit Jahren laufenden Archiv-Strategie des großen Singer-Songwriters, der neben aktueller Musik wie zuletzt „Colorado“ (2019) auch immer wieder uraltes, unbekanntes oder Live-Material herausbringt. „Homegrown“ (Reprise/Warner) lässt sich zeitlich zwischen „Harvest“ (1972) - Youngs Durchbruch als Solokünstler mit dem Welthit „Heart Of Gold“ - sowie den düsteren Werken „On The Beach“ (1974) und „Tonight's The Night“ (1975) verorten. Für den Musiker selbst ist das Album „die bisher ungehörte Verbindung zwischen 'Harvest' und 'Comes A Time'“ von 1978.

Und, um es gleich vorweg zu sagen: Die Qualität dieser vier Meisterstücke des 70er-Jahre-Folkrocks erreicht „Homegrown“ nicht ganz. Was auch an einem eher lästigen Spoken-Word-Track inmitten der zwölf Songs liegt, dem Erinnerungsstück „Florida“ - es nervt schlichtweg drei Minuten lang mit fiesen Zahnarztgeräuschen zu Youngs offenbar recht bekifft-verkatertem Lamento.

Ansonsten hält dieses neue „lost album“ aber einige hell glänzende Perlen bereit: etwa den titelgebenden Boogie, die melancholischen Balladen „Separate Ways“, „Mexico“, „White Line“ oder „Little Wing“, die allesamt auch auf „Harvest“ gepasst hätten, oder die Bluesrocker „We Don't Smoke It No More“ und „Vacancy“. Im 55 Jahre umfassenden Gesamtwerk des gelegentlich zu erratischen Veröffentlichungen neigenden Superstars gehört „Homegrown“ durchaus ins obere Drittel.

Young teilte kürzlich in seinem Brief an die Fans in den „Neil Young Archives“ zur Begründung der jahrzehntelangen Verzögerung mit: „Es ist die traurige Seite einer Liebesbeziehung. Der angerichtete Schaden. Der Liebeskummer. Ich konnte es mir einfach nicht anhören. Ich wollte es hinter mir lassen. Also behielt ich es für mich, tief in den Kellergewölben, im obersten Regalfach, im Hinterstübchen meines Kopfes... aber ich hätte es teilen sollen. Es ist tatsächlich großartig, darum nahm ich es ja überhaupt auf. Das Leben schmerzt manchmal. Ihr wisst, was ich meine. Dies ist das eine, das entkam.“

Analog aufgenommen 1974 und Anfang 1975, wurde „Homegrown“ damals auf original stereo-analogen Mastertapes abgemischt. Diese ursprünglichen Mixe wurden von John Hanlon jetzt sorgfältig restauriert. Das Album enthält auch einige Promi-Auftritte von Levon Helm und Robbie Robertson (beide The Band) sowie Country-Queen Emmylou Harris. „Homegrown“ sei nun „die erste Veröffentlichung aus unseren Archiven in diesem neuen Jahrzehnt“, sagt Young stolz. „Folgt uns nach 2020, damit wir euch die Vergangenheit bringen können.“

© dpa-infocom, dpa:200626-99-572860/4

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