Boulevard

Neues Album führt Selig zu ihren Anfängen

Musik

Donnerstag, 11. März 2021 - 17:34 Uhr

von Von Wilhelm Pischke, dpa

dpa Hamburg. Anfang der 90er Jahre wurde die Band Selig mit ihrem „German Grunge“ und dem Song „Ohne Dich“ berühmt. Fast 30 Jahre später zeigt sie Experimentierfreude und nimmt sich politischer Themen an.

Songs über das menschliche Miteinander: „Myriaden“ von Selig. Foto: Sven Sindt/Universal Music/dpa

Die erfolgreichen Anfänge der Band Selig liegen für Sänger Jan Plewka nun länger als die Hälfte seines Lebens zurück. Im vergangenen Jahr feierte er seinen 50. Geburtstag. Das neue Album „Myriaden“ zeigt, dass die vierköpfige Band ihren alten Stil noch immer bestens beherrscht: Der selige Sound ist zurück.

„Myriade“ bezeichnet eine unzählbar große Menge, und genau so könnte man auch die für die Band eher untypische Themenvielfalt verstehen, die sich auf der Platte wiederfindet. Während in der Anfangszeit die Zweisamkeit und der menschliche Mikrokosmos den Kern ihrer Lieder bildeten, hat das neue Album eine deutlich breitere und politischere Themenpalette.

„Wir sind einfach der Ansicht, dass im Moment mehr falsch als richtig läuft, und unser Ziel war es, das auf eine selige Art und Weise auszudrücken“, schaut Plewka auf den Entstehungsprozess zurück. Auf „Myriaden“ gehe es darum, wie Menschen miteinander und mit dem Planeten umgehen. „Es ist der Versuch, aufrichtig zu sein in einer unaufrichtigen Zeit.“

Themen wie Umweltzerstörung, die Klimakatastrophe und die Dynamik unserer Zeit ziehen sich durch das Album. Nicht plump und plakativ, sondern verpackt in spielerisch und keineswegs belehrend daherkommende Worten: „Der See ist jetzt ein Reservoir, der Strand ist schwarz und kaum noch da“, säuselt Plewka im Song „Süßer Vogel“.

Im Titelsong „Myriaden“ geht es um die permanente Vernetztheit in einem Meer aus Bildschirmwänden. „Ich kenne ja die alte Welt noch, wo man mit einer Wählscheibe gewählt und der Kodak Ritsch-Ratsch-Klick fotografiert hat“, so Plewka. In dem Song gehe es um die Sehnsucht nach dieser Wärme und zwischenmenschlicher Liebe. „Diese alte Welt ist so viel sinnlicher und prickelnder.“

Nach Band-Krach, zehn Jahren Pause, Comeback und Trennung vom Keyboarder scheint die Band mittlerweile in ruhigem Fahrwasser angekommen zu sein. Der „Größenwahn“ der vergangenen Jahre habe vieles kaputt gemacht, so Plewka über die Band in den 1990er Jahren. „Wir alle (..) waren in einem Rausch des Ego-Wahns, wir dachten, dass wir die Band der Stunde sind und auch bleiben.“

Seit dem Comeback 2008 läuft es wieder: Mit den Alben „Und endlich unendlich“, das Goldstatus erreichte, „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ und „Magma“ schafften es Selig in die Top 10 der deutschen Charts. Nun kehrte die Band wieder zurück an den Ort, wo vor 26 Jahren der Stein ins Rollen kam: in die Studios des Hamburger Produzenten Franz Plasa, wo sie 1994 ihr selbstbetiteltes Debütalbum aufgenommen haben.

Trotz Rückkehr zu den Wurzeln zeigen sich Selig experimentierfreudig abseits der getragenen Melodien rund ums Plewkas kehligem Sound. Ob das Funk-Stück „Spacetaxi“ über eine abstrakte Reise ins All oder Plewkas Sprechgesang in „Alles ist so“ - die Band probiert sich aus.

Dennoch hat die Gruppe vor allem in den ruhigen Liedern um das menschliche Miteinander ihre besonderen Momente. In dem liebevoll naiv daherkommenden Stück „Postkarten“ besingt Plewka die aufkommende Sehnsucht nach vergangener Liebe. In „SMS K.O.“ setzt sich Plewka ergreifend mit einer zutiefst verletzenden Textbotschaft auseinander. „Diese Nachricht von heut' morgen kam bedacht und sehr konkret/Mit kältestem Kalkül und hat mich innerlich zerlegt“.

Bei der Rückkehr an den Ort ihres Karrierestarts habe die Band auch ein Stück weit das damalige Gefühl aufgesogen, sagt Plewka. „Man kann wirklich sagen, dass wir dem Spirit unserer Jugend wiederbegegnet sind.“ Allerdings laut Plewka mit anderen Gewohnheiten: Während früher auch ein paar „Drogen und Getränke konsumiert“ wurden, ging es für die Band zwischen den Aufnahmen zum Mittagsspaziergang an der frischen Luft durch den Park Planten und Blomen.

© dpa-infocom, dpa:210309-99-747585/3

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