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Boulevard

Neues Bauhaus Museum zwischen Transparenz und Spiegeln

Museen

Sonntag, 8. September 2019 - 11:57 Uhr

von Von Dörthe Hein, dpa

dpa Dessau-Roßlau. Dessau ist besonders reich an Original-Bauhausbauten. Was viele nicht wissen: Dort gibt es nach Berlin auch die weltweit zweitgrößte Bauhaus-Sammlung. Die kann künftig umfassend gezeigt werden. In einem neuen Museum, das an diesem Sonntag eröffnet wird.

Claudia Perren (v.l.), Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und Peter Kuras (FDP), Oberbürgermeister der Stadt Dessau-Rohlau, vor dem neuen Bauhaus Museum in Dessau. Foto: Hendrik Schmidt

Das Bauhaus kommt 100 Jahre nach seiner Gründung neu im Zentrum von Dessau an. Die dunkle, langgezogene quaderförmige Glashülle des neu gebauten Bauhaus Museums spiegelt die Umgebung - ein Einkaufszentrum auf der einen, den Stadtpark auf der anderen Seite.

Wer das neue Museum betritt, fühlt sich mittendrin in Dessau. Und ein bisschen wie auf einem öffentlichen Platz. Genau so ist es gedacht: Eintritt kostet nur die Ausstellung, die in einem scheinbar schwebenden schwarzen Riegel im oberen Teil des Gebäudes Platz findet. Mit der Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung“ öffnet das Museum an diesem Sonntag.

Großzügigkeit strahlt das Museum für die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Claudia Perren, aus. Dabei sei es ein kleines Haus mit einem kleinen Budget, sagt die Architektin. Die Fassade schwanke zwischen Transparenz und Spiegeln, wie es bei Glas sei. Sie spricht von einer Umarmung der Stadt. Die Architektur übe hier keinen Zwang aus. Sie biete Raum für Begegnungen und die Infrastruktur für die Sammlung. Das Gebäude wirkt von innen rau, edle Materialien sucht man vergebens.

Einen Kontrapunkt bilden große verschiebbare bunte Glaspaneele, die an die Bauhaus-Farbenlehre erinnern und mit denen sich der Lichteinfall inszenieren lässt. Lucy Raven gewann mit ihrem „Lichtspielhaus“ einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb. Auch Rita McBrides „Arena“, eine große gelbe stufenförmige Konstruktion ist ein Hingucker inmitten von Glas und Beton. Hier soll die offene Bühne Platz bieten für Debatten, Vorträge, Begegnungen. Die Dessauer sollen das Museum auch als ihren Ort verstehen. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, sprach vorab von einem neuen geistigen Kraftfeld für die Innenstadt Dessaus.

Die eigentliche Ausstellung findet auf 1500 Quadratmetern im scheinbar schwebenden Riegel Platz. Erstmals gibt es damit einen Ort, an dem die Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau umfassend gezeigt werden kann, sagt Kuratorin Regina Bittner. Rund 49.000 Exponate wurden in Dessau zusammengetragen, es soll - nach der in Berlin - die zweitgrößte Sammlung zum Thema weltweit sein. „Unsere größten Ausstellungen hatten bislang 600 Quadratmeter“, ergänzt der Sammlungsleiter und Mit-Kurator Wolfgang Thöner.

„Wir wollen den Besuchern die Geschichte anders nahebringen, nicht chronologisch“, sagt Bittner. Gezeigt werden soll das Bauhaus als eine Schule, eine Lehr- und Lerngemeinschaft. Letztlich eine Versuchsstätte, Bittner spricht von einer Art utopischer Gemeinschaft inmitten einer wilhelminischen Residenzstadt. Das Bauhaus war 1919 in Weimar gegründet worden, zog 1925 nach Dessau und erlebte dort seine Blütezeit.

Drei ganz unterschiedlich gestaltete Ausstellungsräume erwarten die Besucher: ein rund 50 Meter langer Raum und zwei kleinere. Im ersten geht es in einem weißen Kubus um die Fragen, die sich das Bauhaus gestellt hat. Kommunikation und Schrifttypen spielen ebenso eine Rolle wie Biologie, Architektur, Textil- und Bühnenkunst.

Eine Sound-Installation gibt den Zeitgeist und die Zeitungsdebatten der Dessauer Bauhaus-Zeit wieder. In Zeiten des Mangels und der Wohnungsnot finanzierte die Stadt die Schule. Zunehmende Kritik folgte. „Die Debatten sind ziemlich harsch“, fasst Kuratorin Bittner zusammen. 1933 wurde die Architektur-, Kunst- und Designschmiede auf Druck der Nazis geschlossen.

In Dessau waren bis dahin schon viele bleibende Zeugnisse entstanden - Gropius' Bauhausgebäude, die Meisterhäuser, die Bauhaussiedlung in Dessau-Törten, gekrönt als Unesco-Welterbe. „Unsere größten Sammlungsobjekte“ nennt Bauhauschefin Claudia Perren sie gern. Im Museum können die Besucher nun in dem riesigen zentralen Ausstellungsraum erleben, wie Schüler und Lehrer zusammenarbeiteten, wie sie sich beeinflussten und welche Ideen und Produkte schließlich entstanden. Architektur, Möbel von der Lampe bis zum Stuhl und Textilien schafften es in den Alltag vieler Menschen.

Und schließlich beleuchtet das Museum die Dessauer Bauhaus-Sammlung selbst. In galerieartiger Atmosphäre wird das erste Konvolut mit 148 Objekten samt Rechnung über 145.000 DDR-Mark gezeigt, das 1976 den Grundstein für die inzwischen weltweit zweitgrößte Bauhaus-Sammlung legte. Schon damals wurde die Bandbreite des Bauhauses deutlich, sagt Sammlungsleiter Thöner. Von Keramik bis zu Möbelstücken, von Fotos bis zu grafischen Arbeiten.

Im Bauhaus-Jubiläumsjahr gibt es ein riesiges Interesse am neuen Museum. Claudia Perren sagt mit Blick auf die vorgebuchten Führungen: „Wir sind komplett ausgebucht in diesem Jahr.“ Jetzt werde das kommende Jahr in den Blick genommen. Viele Gruppen kämen aus Deutschland, es seien aber auch viele Europäer - etwa Italiener und Spanier - dabei, genauso wie Besucher aus Asien und Amerika.

Da scheint es kein Problem, dass rund 170 Kilometer entfernt schon Anfang April das Bauhaus-Museum in Weimar öffnete. Dort reißt der Besucherandrang nicht ab. Laut der Klassik Stiftung Weimar wurden schon mehr als 160 000 Besucher gezählt. Das Bauhaus-Archiv in Berlin ist seit dem vergangenen Jahr geschlossen und wird für 64 Millionen Euro bis 2022 saniert sowie um ein zweites Gebäude ergänzt. Der Neubau - ein gläserner Turm - soll Platz für Ausstellungen schaffen.

Claudia Perren sagt, in Dessau sei man froh, dass das Museum noch im Jubiläumsjahr öffnen könne. Die 25 Millionen Euro von Bund und Land waren Ende 2014 zugesagt. Ein internationaler Architektenwettbewerb wurde ausgerichtet, unter 830 Einreichungen setzte sich das junge spanische Architekturbüro Gonzáles Hinz Zabala durch. Die Bauzeit betrug rund zwei Jahre.

Wo gebaut wird, wird auch diskutiert und kritisiert. Zuerst ging es in Dessau um den Standort für das Museum, der Stadtpark setzte sich schließlich durch. Die Glasfassade als Gefahr für Vögel brachte Umweltschützer auf den Plan. Daraufhin wurden senkrechte schwarze Streifen auf die Glasfront aufgebracht. Und in Dessau ist Kritik zu hören, der Bau sei nicht so transparent wie ursprünglich erhofft.

Und schließlich wurde auch an die Nachbarn in Plattenbau-Wohnhäusern gedacht. Dort, wo jetzt das Bauhaus Museum steht, fehlt nun ein Stück des Stadtparks. Die Lösung für die Architekten: Das Museum hat ein Gründach, kann von Bienen und Schmetterlingen angeflogen werden, erzählt Perren. „Die Anwohner sehen wieder Grün.“

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