Boulevard

Ohne Allüren - Steve Gunns „Other You“

Musik

Montag, 30. August 2021 - 11:36 Uhr

von Von Werner Herpell, dpa

dpa Berlin. Das Wort „Gitarren-Virtuose“ hat für manche Popkritiker einen miesen Klang. Der US-Folkrocker Steve Gunn zeigt, dass große Kunst an den sechs Saiten ganz ohne breitbeinige Angeber-Allüren auskommen kann.

Der Sänger und Gitarrist Steve Gunn legt mit „Other You“ ein starkes Album vor. Foto: Stephanie Nicole Smith/Beggars Group/dpa

Ein herausragender Gitarrist war Steve Gunn schon lange. Doch das Virtuosen-Image tat seiner vor rund 15 Jahren gestarteten Karriere nicht immer gut. Und manchmal war die Musik arg verkopft.

Spätestens mit dem 2019 erschienenen Album „The Unseen In Between“ erwies sich der ruhige, freundliche Mann aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania aber auch als erstklassiger Songwriter.

Andere Stimmlage gefunden

Auf dem Nachfolger „Other You“ kommt er dem Ziel, schöne Lieder mit so innovativen wie zugänglichen Gitarren-Sounds zu schreiben, ein weiteres Stück näher. Und auch als Sänger hat Gunn, dessen Stimme früher recht dünn und farblos klang, hinzugewonnen - ein Verdienst seines Produzenten Rob Schnapf (Beck, Elliott Smith, Dr. Dog).

„Er war ein guter Lehrer für meine Vocals“, verriet Gunn dem Musikmagazin „Uncut“ (September). „Er half mir, eine andere Stimmlage zu finden.“ Der Wärme seines im Grunde eher analytisch intellektuellen Indie-Rocks hat es definitiv gut getan - zumal das neue Album an der Westküste der USA, also in sonnigeren Regionen als der Wahlheimat Brooklyn, aufgenommen wurde.

Dieser Künstler sei „Traditionalist und Suchender zugleich“, erklärt sein Label Matador zutreffend. Noch nie gelang Gunn die Gratwanderung zwischen Musikhistorie und Zukunft so mühelos. Da hört man sphärische Gitarrenmelodien über einem soliden Rock-Fundament - das erinnert etwa im hypnotischen „Protection“ an tolle US-Bands wie Wilco oder The War On Drugs, anderswo an Britfolk-Ikonen wie Nick Drake, Robert Wyatt oder John Martyn.

Mit „Other You“ legt Steve Gunn sein sechstes und bisher ambitioniertestes Album vor. Es ist erneut ein Kandidat für Jahresbestenlisten, der mit dem klavierdominierten „Reflection“ und dem Closer „Ever Feel That Way“ auch noch zwei der edelsten Folkpop-Balladen dieses Spätsommers enthält.

© dpa-infocom, dpa:210824-99-947495/3

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