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Boulevard

Ottfried Fischer: Schreiben gegen den Parodiensumpf

Medien

Donnerstag, 26. September 2019 - 08:37 Uhr

von Von Ute Wessels, dpa

dpa Passau. Zwischen Kirche und Woodstock, zwischen Wirtshaus und Friedhof: Schauspieler Ottfried Fischer schreibt über das Leben auf die Land, seine 68er-Jugend und die Rückkehr nach Passau. Ein heiter-melancholisches Lebenspuzzle.

Ottfried Fischer lässt sein Leben Revue passieren. Foto: Armin Weigel

Für Ottfried Fischer bedeutet Heimat vor allem: Niederbayern. Dort, auf dem Land bei Passau, ist er aufgewachsen - die Menschen geprägt vom Krieg, von katholischer Kirche und der CSU.

Die 68er-Revolte samt Woodstock stiftet Verwirrung beim jugendlichen Fischer. Jahrzehnte später zwingt ihn eine schwere Krankheit in die Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Folgen sind die Rückkehr aus München nach Passau und ein Buch.

„Heimat ist da, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen“, heißt das 200 Seiten starke Werk des Schauspielers („Der Bulle von Tölz“), das am Freitag (27. September) erscheint.

In den Ruhestand ist Fischer in seiner neuen, alten Heimat Passau jedenfalls nicht gegangen. Auch wenn er das eigentlich glaubte: „Ich dachte, wir ziehen hierher und werden Rentner“, erzählte der Kabarettist und Schauspieler der Deutschen Presse-Agentur. Stattdessen schrieb er einige Episoden und Anekdoten aus seinem Leben auf und fügte sie wie ein buntes Mosaik zu einem Buch zusammen. Ganz nebenbei koproduzierte er einen Kinofilm, in dem er auch eine kleine Rolle übernahm. Nun stehen einige Talkshow-Auftritte an.

Vor zwei Jahren war der an Parkinson erkrankte und im Rollstuhl sitzende Fischer mit seiner Lebensgefährtin Simone Brandlmeier in die alte Heimat gezogen - den Humor hat er nicht verloren, das Kapitel dazu überschreibt er mit „Rolling home“. In der niederbayerischen Stadt hat er das Haus seiner Großeltern geerbt und sanieren lassen. Seiner Lebenspartnerin widmet er auch deswegen das Buch. Sie habe den Umzug und ein „menschenwürdiges Leben, abseits der Sanatorien, in einem richtigen Zuhause“ möglich gemacht.

Der Entschluss zum Umzug sei während der Reha gefallen, wo er sich von einer schweren Sepsis erholte. Er sei aus wirren Träumen erwacht und habe gesagt: „Wir ziehen nach Passau!“, so Fischer. „Es bleibt einem nichts anderes übrig als nachzudenken, wenn man alleine im Krankenzimmer liegt“, sagte er. Es sei mit seinem Dasein so gar nicht mehr zufrieden gewesen. Mit seinem Bruder und mit Freunden habe er dann seine Erinnerungen geteilt und später aufgeschrieben - und das im Ottfried-Fischer-typischen Sprachduktus, so dass der Leser die Stimme des Autors auf jeder Seite geradezu im Ohr hat.

Er berichtet von Besuchen bei seinen Großeltern, von der „Enkel-Landverschickung“ mit der Bahn zwischen Untergriesbach und Passau. Und so wie er als Jugendlicher aus der Heimat weg wollte, dachte er sich das später im Krankenzimmer: „Ich will raus hier, wie damals aus dem Bayerischen Wald. Die Zeit läuft mir davon.“ Vor der Reha habe er schon zwei Monate lang „wie bewusstlos“ in einer Münchner Klinik gelegen. Während er sich Sorgen um Zukunftspläne machte und ihm „eilig schleichend die Muskeln schwanden“, sortierte er seine Erinnerungen.

Fischer erzählt von seinen 68er-Erlebnissen - „Die Zeit ist so wirr beschrieben, wie sie war“ -, von Tanzveranstaltungen auf dem Lande in den 70ern, von skurrilen Dorfbewohnern, von Hosenkäufen im Übergrößengeschäft, von seinen Anfängen im Fernsehen mit Franz Xaver Bogners Serie „Irgendwie und Sowieso“ und hat nicht zuletzt auch den Schuldigen am Wirtshaussterben ausgemacht: Thomas Gottschalk. Der Moderator habe mit „Wetten, dass..?“ dem samstagabendlichen Stammtisch den Garaus gemacht.

Ein wenig resigniert klingt es, wenn der Kabarettist so etwas wie den Niedergang des Kabaretts feststellt: „Unübersehbar, wie es schwächelnd sich suhlt im Parodiensumpf, das Fernsehen, nicht in der Lage, das Kabarett würdig zu vermitteln, versucht es mit der ihm eigenen Vorherrschaft der oberflächlich showbiz-orientierten Beliebigkeit, mühsames Aufrechterhalten einer vagen Haltung.“

Scharfzüngig ist Fischers Meinung zur heutigen Comedy. Statt Kleinkunst gebe es heute „mit Zehntausenden von Leuten überfüllte Riesenhallen und ausverkaufte Stadien, in denen Programme angeboten werden, die wild gewordene Hausfrauen für Theater halten“.

„Heimat ist da, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen“: Das Buch ist eine kurzweilige Lektüre, mal heiter und zum Lachen, mal nachdenklich und melancholisch, rasant und dann poetisch - ein Mosaik des Lebens.

Ottfried Fischer, Heimat ist da, wo dir die Todesanzeigen etwas sagen, Ullstein-Verlag, Berlin, 2019, ISBN 978-3-550-20007-6

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