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Boulevard

Promi-Geburtstag vom 24. März 2020: Peter Bichsel

Literatur

Dienstag, 24. März 2020 - 00:09 Uhr

von Von Christiane Oelrich, dpa

dpa Solothurn. Es ist schon ein Jammer, dass Peter Bichsel nicht mehr schreiben mag. In dem Schweizer Schriftsteller stecken immer noch jede Menge Esprit, Charme und feinsinnige Beobachtungen. Jetzt wird er 85.

Peter Bichsel wird 85. Foto: Werner Baum/dpa

Die Klimajugend, die Politik, das Altern - der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel hat viel zu sagen, aber schreiben, das mag er nicht mehr.

„Lassen wir das, ich habe ein Recht darauf, alt zu sein“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur ein bisschen nachdenklich, aber ansonsten gut gelaunt kurz vor seinem 85. Geburtstag.

Bichsel gehört zu den renommiertesten Schweizer Gegenwartsautoren. Er hat Kurzgeschichten und vor allem mehr als 1000 Kolumnen verfasst über sehr genaue Beobachtungen im Alltag. Mit feinsinnigen Beschreibungen regt er seine Leser zum Nachdenken an, ohne selbst Antworten zu geben. Ein neuer Sammelband mit frühen Texten aus den Jahren 1967 bis 1971 ist gerade frisch erschienen: „Auch der Esel hat eine Seele“. Der Titel stammt von einer der Kolumnen darin.

Bichsel mag die Geschichte jetzt nicht wiederholen. „Lassen wir das“, sagt er im Gespräch des Öfteren, und das ist Bichsel, wie er leibt und lebt: Ungesagtes stehen lassen. Bichsel sei einer, der „die Leserschaft gern aufs Glatteis der Irritation führt, um es ihr selbst zu überlassen, wie sie gedanklich wieder herunterfindet“, schrieb der Schweizer Kritiker Beat Mazenauer zu einem seiner Kolumnenbände.

Eine weitere Kostprobe? „Wir leben in gefährlichen apolitischen Zeiten“, sagt Bichsel. „Zum Beispiel der Populismus, wir sagen Populismus, weil wir das Phänomen nicht benennen wollen.“ Was wäre denn die richtige Benennung? „Lassen wir das“, sagt er.

Die Klimabewegung der Jugend findet er klasse. Was die jungen Leute in kurzer Zeit erreicht haben, beeindruckt ihn. Aber sich nur mit einem Thema zu befassen hält er für gefährlich. „Unsere Welt, unsere Kultur, unsere Zivilisation kann noch an Anderem scheitern als am Klima“, sagt er. Und dann lässt er sein Publikum einmal nicht nur selbst sinnieren, was gemeint sein könnte. „Sie könnte an sozialen Fragen scheitern“, sagt er. „An wirtschaftlichen Fragen, am Rüstungswahnsinn.“

Bichsel lebt heute bei Solothurn. Er wurde in Luzern geboren und wuchs in einer Handwerkerfamilie in Olten auf. Als begieriger Leser entdeckte er als Jugendlicher in der Bibliothek moderne Lyrik, Expressionismus und Dadaismus etwa, und war fasziniert. Er schrieb zunächst Gedichte, wurde aber auch Grundschullehrer.

1964 machte er mit seinem ersten Band Kurzgeschichten „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ sofort Furore. Der Schriftstellerkreis „Gruppe 47“ um Hans Werner Richter nahm ihn auf und verlieh ihm 1965 einen Preis. Bichsel hängte den Lehrerjob bald an den Nagel, wurde erst Redenschreiber und widmete sich dann ganz dem Prosa-Schreiben.

Leidenschaftlicher Schriftsteller sei er aber nie gewesen. Schreiben sei Arbeit. „Jede Kolumne hat einen Anfang und ein Ende“, sagt Bichsel. „Und wenn man sie einigermaßen gelungen abschließt, dann fürchtet man sich davor, dass einem nie wieder etwas einfallen wird. Das Warten auf den ersten Satz, das kann sehr hart sein.“ Und nach einer Pause schiebt er nach: „Es ist ein bisschen wie das Altern, das hat auch sehr viel mit Warten zu tun.“

Bichsel hadert nicht mit dem Alter. „Ich habe mich als Jugendlicher nicht mit der Jugend befasst, und tue es als alter Mensch nicht mit dem Alter“, sagt er. „Das Alter an und für sich macht einsam, das hat man zu akzeptieren. Ich empfinde Einsamkeit aber nicht nur als unangenehm, wenn man mit sich selbst einigermaßen gut auskommt, geht es.“ Wenn die Natur gerecht wäre, sagt Bichsel, „dann hätte sie mich schon längst weggeputzt“. Er habe nie Wert darauf gelegt, gesund zu leben. „Aber ich bin immer noch da. Dafür bin ich dankbar.“

Bichsels Texte hätten mit ihren klaren Sätzen und dem kargen Wortschatz nur oberflächlich Leichtigkeit, schreibt Kritiker Mazenauer. „In Form von subtilen Widersprüchen oder unlogischen Zeitsprüngen untergraben sie die oberflächliche Harmlosigkeit und lassen etwas Widersprechendes in die Erzählungen ein: das Schweigen.“

In seiner letzten Kolumne für die „Schweizer Illustrierte“ schrieb Bichsel 2014: „Geschichten erzählen hat mit dem Ende zu tun. Solange wir erzählen, bleibt alles rund, bleibt alles Wiederholung, das Runde hat kein Ende. Erzählen ist letztlich das Aufbäumen gegen jenes Ende, das uns allen sicher ist. Und sich verabschieden ist der Entscheid, die Runde, das Runde zu verlassen und geradeaus zu gehen...“

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