Boulevard

Promi-Geburtstag vom 27. September 2018: Günter Brus

Kunst

Donnerstag, 27. September 2018 - 00:11 Uhr

von Von Fabian Nitschmann, dpa

dpa Graz. Die Gesellschaft ist träge, die Menschen zu faul für politisches Denken: Künstler Günter Brus formuliert seine Gesellschaftskritik scharf. Vor radikalen Aktionen nach seinem Vorbild warnt er aber.

Günter Brus sieht sich inzwischen vor allem als Autor. Foto: Michael Kappeler

Günter Brus hat seinen Körper in den Mittelpunkt seiner Kunst gestellt, sich selbst verletzt, sich immer wieder nackt in Szene gesetzt. Für manchen Zuschauer überschritt seine Kunst die ästhetische Schmerzgrenze, für ihn waren es notwendige Weckrufe in einem zugestaubten Österreich.

„Es war, leicht übertrieben, ein Polizeistaat“, sagt Günter Brus, der vom Aktionskünstler mit den Jahren zum Autor geworden ist. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

Brus, 1938 in der Steiermark geboren, galt lange als Schmuddelkind der Kunstszene. Sein Name ist in Österreich untrennbar mit der sogenannten Uni-Ferkelei verbunden, er selbst und seine Mitstreiter aus der Bewegung des „Wiener Aktionismus“ nannten die Performance „Kunst und Revolution“. Brus schnitt sich dabei im Sommer 1968 mit einer Rasierklinge, beschmierte sich mit eigenem Kot, onanierte - und sang dabei die österreichische Nationalhymne. Wegen „Herabwürdigung österreichischer Symbole und Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Anarchistischen Charakter hätten diese Aktionen gehabt, sagt Brus heute. Sie seien im Besonderen auf die Situation in Österreich ausgerichtet gewesen. „Es war schier unerträglich, in welchem pseudo-demokratischen Land wir damals gelebt haben.“ Die anschließende Flucht vor dem Gefängnis und nach Deutschland bezeichnet er als „das Positivste für mich persönlich. Berlin war für mich ein Befreiungsschlag.“

Erst 1979 kehrte er mit seiner Familie in die Alpenrepublik zurück, nachdem seine Haftstrafe vom damaligen österreichischen Bundespräsidenten in eine Geldstrafe umgewandelt wurde. Inzwischen ist Brus in seiner Heimat rehabilitiert, erhielt 1996 den Staatspreis für Bildende Kunst, in Graz gibt es mit dem „Bruseum“ seit 2008 ein eigenes Museum für den Steirer.

Mit skandalösen Performances hat er sich nach der „Uni-Ferkelei“ auch zunehmend zurückgehalten. Stattdessen malte Brus, schuf dabei magische wie manische Bildwelten. Inzwischen sieht er sich vor allem als Autor. „Ich schreibe nur so vor mich hin, ohne Ziel und Planung“, erzählt Brus. „Ich schreibe vor allem Kurzgeschichten. Ich habe keinen langen Atem für romanähnliche Werke.“

Von seiner Neigung zur scharfen Gesellschaftskritik hat Brus sich aber auch im Alter nicht abbringen lassen. Die sexuelle Befreiung etwa, sagt Brus, sei wieder ins Gegenteil gekippt. „Ich habe damals nach der 68er-Revolte richtige Hardcore-Pornos in ganz normalen Läden am Land irgendwo im Geschäft liegen sehen - das ist heute undenkbar.“ Und auch ein Blick auf die aktuelle politische Situation stimmt ihn nicht positiver.

„Es ist eine Trägheit entstanden, die durch den Wohlstand begründet ist“, erklärt der Künstler. „Die Leute sind politisch zu faul, um nachzudenken.“ Die dauerhafte Heimat-Sehnsucht, die in Filmen, im Fernsehen und nicht zuletzt von „Pseudo-Popsängern, Gabalier und so“ angeheizt werde, könne er fast nicht ertragen.

Also ist die Zeit wieder reif für radikale Kunst, für aufsehenerregende Performances, für den künstlerischen Aufstand gegen die Symbole von Staat und Heimat? Nein, sagt Brus. Eine Aktion wie die „Uni-Ferkelei“ sei heutzutage undenkbar. „Sie wäre auch kontraproduktiv. Denn die Wut und der Zorn auf die Gegebenheiten sind nicht so stark.“ Die nächste Revolte muss also noch warten.


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