Promi-Geburtstag vom 9. März 2020: Katja Ebstein

Von Von Martina Scheffler, dpa

dpa München. Man glaubt, man kennt sie schon lange, die Chanson- und Schlagersängerin mit den roten Haaren. Und so ist es ja auch, seit mehr als 50 Jahren steht sie auf der Bühne - aber die digitale Revolution lässt sie über einen neuen Beruf nachdenken.

Promi-Geburtstag vom 9. März 2020: Katja Ebstein

Katja Ebstein hat viele Talente. Foto: picture alliance / dpa

Ja, klar, „Wunder gibt es immer wieder“ und „Der Stern von Mykonos“ und der Grand Prix, das ist eine Seite von Katja Ebstein, aber nur eine von vielen.

Da ist die Liedermacherin, die Heine-Rezitatorin, der Musicalstar, die politisch und sozial engagierte Stifterin und die streitbare 68erin, die kein Blatt vor den Mund nimmt, ob es nun um Integration oder Digitalisierung geht.

„Ich bin ein relativ angstfreier Mensch und kein Bedenkenträger. Ich probiere einfach aus“, sagt Ebstein, die in einem kleinen Ort südlich von München lebt, kurz vor ihrem 75. Geburtstag am 9. März der Deutschen Presse-Agentur. Aufgewachsen ist sie, die als Säugling kurz vor Kriegsende mit ihrer Familie aus Schlesien vertrieben wurde, in Berlin. Das sei ihre Stadt, sagt sie, Berliner Schnauze und so.

Aber auch die Schlesier lobt sie, „ein weltoffener Volksstamm“, die friedliche Koexistenz der Religionen, sichtbar etwa auf den Friedhöfen, wo Gräber von Christen, Juden und Muslimen nebeneinander lagen, ob das abgefärbt hat, wer weiß. „Ich habe eine große Beziehung zu Russland oder Polen, weil das für mich große Kulturvölker sind, von denen die ganze Welt profitiert. Diese Art, diese Mentalität liegt mir. Ich bin ja auch ein bisschen so. Ich bin so offen, dass man immer mal damit rechnen muss, dass man einen auf den Deckel kriegt. Und das erlebt man ja auch.“

Ihr Geburtsname, Witkiewicz, weist jedenfalls auf ihre schlesisch-polnischen Wurzeln hin, und den hätte sie auch nie geändert, sagt sie. Aber damals, als sie in den 60ern bekannt wurde, hieß es eben, den Namen könne keiner schreiben und keiner aussprechen. So musste der Name der Straße, in der sie wohnte, als Inspiration dienen.

Das ist lange her, genau wie die sehr erfolgreichen Auftritte beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in den 70ern und 80ern, als sie zweimal den dritten und einmal den zweiten Platz belegte. Viel näher sind ihr aber wohl Vertonungen von Heine und Brecht, Lieder von Kurt Weill und all den anderen Berliner Größen der Zwanziger Jahre, bis in die Gegenwart, von Tucholsky bis Biermann. Sozialkritische, politische Kunst.

„Ich will den Menschen einfach Mut machen mit dem, was ich auf der Bühne tue“, sagt Ebstein. “Und ich habe das durch die viele verschiedene Bühnenarbeit gelernt, heute das Schwere leichter zu sagen als früher.“ Das ist ihr wichtig: „Ohne leise Hoffnung auf Veränderung lasse ich die Menschen nicht nach Hause gehen.“

Und sie hört auch viel von schweren Dingen, beispielsweise über ihre 2004 gegründete, in Brandenburg angesiedelte Stiftung, die sich um Schüler kümmert, Kinder von Brennpunktschulen, Straßenkinder, Flüchtlingskinder. Auch da redet sie Klartext: „Es gehört eine Assimilierung dazu“, findet sie, Respekt vor Frauen gehöre auch bei Migranten dazu: „Ohne die eigene Kultur zu leugnen, muss man sich unserer annähern.“

Auch die Digitalisierung treibt sie um, angefangen bei der Gefahr, die Kulturtechnik des Schreibens zu verlieren, bis zur Abhängigkeit von Maschinen. Einen Coach bräuchte man eigentlich, findet die Künstlerin. Für „die Aufklärung von Menschen, wie man Technik nutzt, ohne dass sie einem schadet, und man parallel die eigenen und erworbenen Fähigkeiten nicht aufgibt, verliert oder vernachlässigt“. Ein ganz neuer Beruf wäre das, meint die vielseitig Begabte: „Ich überlege mir, zusammen mit jemand so was zu machen.“

Ihr erster Berufswunsch war der der Malerin gewesen: „Ich wollte ja malen. Ich wollte bildhauern. Ich wollte irgendwas in der Hand haben, was ich mache, und nicht nur auf dem Band oder irgendwo flüchtig. Jetzt bin ich hier gelandet und hab' einen Ausdruck gefunden, den ich mir jetzt im Bildnerischen nicht mehr zutraue. Den Zug habe ich vielleicht verpasst.“ Bereut sie die Entscheidung? „Es war nicht anders möglich“, bedauert sie. „Wir hatten kein Geld. Meine Eltern haben sich den Kopf zerbrochen, wie sie mich auf eine Kunstschule schicken können. Das alleine rührt mich bis heute.“

Heute unterstützt sie selbst die, die Hilfe brauchen. 2008 hat sie das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten - für ihr soziales und künstlerisches Engagement. Sie hat viele Seiten, die angstfreie Frau Witkiewicz.