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Ruhrtriennale vor einem schwierigem Start

Musik

Mittwoch, 8. August 2018 - 15:52 Uhr

von Von Ulrike Hofsähs, dpa

dpa Bochum. Sie sind imposant, die früheren Zechen, Kraftanlagen und Maschinenhallen. Die Ruhrtriennale macht seit 2002 diese besonderen Bauten zu Spielstätten für Kunst. Aber seit Wochen steht das Festival im Zeichen eine Debatte um Antisemitismus.

Nicht umunstritten: die Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp. Foto: Marcel Kusch

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat der Ruhrtriennale abgesagt. Der ranghöchste Politiker des Landes besucht keine der 33 Produktionen. Das befeuert die seit Wochen andauernde Diskussion um die umstrittene Festival-Intendantin Stefanie Carp.

In ihrem ersten Jahr als Triennale-Chefin hat sie dem renommierten Kulturfestival durch ihren Zickzack-Kurs im Umgang mit der israelkritischen Pop-Band „Young Fathers“ etliche negative Schlagzeilen eingebracht.

Und das, bevor die Ruhrtriennale, das kulturpolitische Aushängeschild des Bundeslandes, an diesem Donnerstag beginnt. Das Nein des Ministerpräsidenten ist ein Paukenschlag in der schwelenden Antisemitismus-Debatte rund um das experimentelle Kulturfest in den imposanten Werks- und Zechengebäuden des Ruhrgebiets. Das Land NRW ist der Hauptgeldgeber und zahlt jährlich 12,65 Millionen Euro. Seine Entscheidung habe Laschet bereits vor Wochen getroffen, nachdem Carp im Juni die zunächst ausgeladene israelkritische schottische Hiphop-Band wieder eingeladen habe, bestätigte ein Regierungssprecher.

„Young Fathers“ stehen der BDS-Bewegung nahe, die für einen Boykott Israels eintritt. Die rund sechs Wochen dauernde Ruhrtriennale war auch unter Druck geraten, weil weitere Künstler mit einer Absage drohten. Die schottische Band sagte dann schließlich von selbst ab.

Die Bewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) begründet ihre Aktivitäten mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern. Roger Waters (Pink Floyd) und Brian Eno (Roxy Music) sind prominente Fürsprecher der Organisation. Mit Boykott-Aufrufen durch BDS sieht sich etwa das Berliner Festival Pop-Kultur (15. bis 17. August) konfrontiert. Anlass ist die finanzielle Unterstützung des Festivals durch die Botschaft Israels.

Die BDS-Bewegung sei in ihren Handlungen und Zielen antisemitisch, sagte Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“. Die Aktivisten versuchten, Israel zu isolieren und als angeblichen Apartheidstaat zu diffamieren. Zum vielfach kritisierten Umgang der Ruhrtriennale mit BDS sagte Klein: „Das gesamte Krisenmanagement war desaströs.“

Auch im Kulturausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags waren die Abgeordneten höchst irritiert. Carp habe „im Grunde PR-technisch dem BDS eine Plattform geboten“, meinte der FDP-Abgeordnete Thomas Nückel. Hinterher erklärte sich Carp den Abgeordneten noch in einem Brief.

Das abgesagte Konzert ist eine Veranstaltung von vielen - statt dessen ist am 18. August eine Debatte über „Freiheit der Künste“, unter anderem mit Carp und Nordrhein-Westfalens Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos), angesetzt. Für ihr Festival-Programm bekommt Carp durchaus Zuspruch und Lob, unter anderem für die Vielschichtigkeit und internationale Ausrichtung. Es unterscheidet sich deutlich von der Ausrichtung der Vorgänger wie Willy Decker oder Johan Simons.

Das experimentelle Kunstfest bietet Tanz, Theater, Konzert und Performance - und oft in die Genre vermischender Form. Themen sind Konflikte, Migration und Vertreibung. Die über 900 Künstler kommen aus 30 Ländern. Die Choreographin Sasha Waltz, der Regisseur Christoph Marthaler und der Dirigent Thomas Hengelbrock sind auch dabei.

Die Perspektive soll ausdrücklich nicht-europäisch sein. Das wird schon in der Auftaktproduktion am Donnerstag (9. August) deutlich. Die Deutschlandpremiere von „The Head and the Load“ des südafrikanischen Künstlers und mehrfachen Documenta-Teilnehmers William Kentridge kommt in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord auf die Bühne. Das vor wenigen Wochen in London uraufgeführte Stück behandelt die Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg.


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