Sixties-Ikone kämpft um Stimme: Marianne Faithfull wird 75

Von Von Philip Dethlefs, dpa

dpa London. Marianne Faithfull überstand Drogenexzesse mit den Rolling Stones, Brustkrebs und nun eine schwere Corona-Infektion. Ob sie nochmal singen kann, ist offen. Doch sie gibt die Hoffnung nicht auf.

Sixties-Ikone kämpft um Stimme: Marianne Faithfull wird 75

Marianne Faithfull wird 75. Foto: Ferdy Damman/ANP Kippa/dpa

In diesem Jahr ist Marianne Faithfull wieder einmal dem Tod von der Schippe gesprungen. Während der Arbeiten zu ihrem Album „She Walks In Beauty“ infizierte sie sich mit Corona und verbrachte drei Wochen auf der Intensivstation.

„Ich wäre fast gestorben“, sagte die Sängerin im Interview der „Los Angeles Times“. „Der Schaden ist ziemlich übel - meine Lungen, mein Gedächtnis und die Müdigkeit.“ Doch in ihrem bewegten Leben hat Faithfull schon viele gesundheitliche Rückschläge weggesteckt. Jetzt wird sie 75.

Auf ihrem gefeierten „She Walks In Beauty“ verbindet die Britin Gedichte und Musik. Mit ihrer unverkennbar rauchigen Stimme liest sie Werke von Thomas Hood, Lord Tennyson und John Keats zu instrumentaler Begleitung von Musikgrößen wie Warren Ellis, Nick Cave und Brian Eno. Das ist in jeder Hinsicht weit entfernt von den Anfängen ihrer Karriere, die oft im Schatten ihrer Beziehung zu Mick Jagger stand.

Marianne Faithfull bei Twitter

Die Single „As Tears Go By“ macht die gebürtige Londonerin 1964 im Alter von 17 Jahren berühmt. Der damalige Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham entdeckt die Blondine mit dem Schmollmund auf einer Party und sieht Starpotenzial. Oldham lässt die Sängerin, die da noch eine zarte Stimme hat, die von Jagger und Keith Richards geschriebene Ballade aufnehmen - die erste von mehreren Hitsingles.

1965 heiratet sie John Dunbar und bringt kurz darauf Sohn Nicholas zur Welt. Doch die Versuchungen im London der Swinging Sixties sind für Faithfull zu groß. Sie verlässt Dunbar nur wenige Monate nach der Hochzeit für Jagger und genießt das wilde Rock'n'Roll-Leben. Nicht ihre Musik, sondern die Beziehung zum Rolling-Stones-Sänger bestimmt fortan die Berichterstattung der Presse über sie - und so ganz wird sie dieses Thema zeitlebens nicht mehr los.

Leben mit den Rolling Stones

Vor allem die berüchtigte Razzia im Haus von Keith Richards im Februar 1967, bei der sie dem Vernehmen nach nackt in einem Pelz vor den Polizeibeamten stand, hängt ihr bis heute nach. „Nacktes Mädchen auf Stones-Party“ lautet die Schlagzeile des „Evening Standard“. Laut Faithfull geriet ihr Leben nach der Razzia aus den Fugen. „Es hat mich kaputt gemacht“, schreibt sie in ihrer Autobiographie. „Wenn man als Mann drogenabhängig ist und sich so benimmt, gilt das immer als aufwertend und glamourös. Eine Frau in so einer Situation wird als Schlampe und schlechte Mutter betrachtet.“

Sie wird schwanger von Jagger, erleidet jedoch eine Fehlgeburt. Nach einer Überdosis Schlafpillen liegt sie mehrere Tage im Koma. Ihr Drogenkonsum gerät außer Kontrolle. Sie wird erst abhängig von Kokain, dann von Heroin. Sie verliert das Sorgerecht für ihren Sohn, wird magersüchtig und lebt fast zwei Jahre auf der Straße. „Ich habe an einer Wand in Soho gelebt“, erinnert sie sich im „Guardian“. „Es war genau das, was ich damals brauchte, es war komplette Anonymität. Ich wollte verschwinden. Ich wollte raus aus dieser Welt.“

Immer noch drogenabhängig, meldet sie sich 1979 mit dem Album „Broken English“ und einer neuen Klangfarbe zurück. Statt der melodischen hat sie nun eine heisere, tiefere Stimme, die zu ihrem Markenzeichen wird. Das Lied „The Ballad of Lucy Jordan“ wird zu einem Welthit, in Deutschland schafft es die Single auf Platz fünf der Hitparade.

Als Sängerin immer wieder neu erfunden

Mitte der 80er gelingt es Faithfull endlich auch, von den Drogen loszukommen. Ihre zweite Ehe mit dem Punkmusiker Ben Brierly wird nach sechs Jahren geschieden. Ihre dritte, mit dem Autor und Schauspieler Giorgio Della Terza, hält auch nur drei Jahre.

Als Musikerin erfindet sich Faithfull mehrfach neu. Sie singt Rock, Disco, Folk, Blues, Jazz und Cabaret. Sie arbeitet mit jüngeren Musikstars wie Beck, PJ Harvey, Jarvis Cocker sowie Blur- und Gorillaz-Sänger Damon Albarn zusammen - und mit dem Filmkomponisten Angelo Badalamenti („Twin Peaks“). Sie nimmt „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht auf („The Seven Deadly Sins“, 1998) und tritt als Schauspielerin in deren „Dreigroschenoper“ auf.

Heute gilt Marianne Faithfull als Diva des düsteren Pop. „Sie ist immer relevant geblieben und nicht zu einer Nostalgie-Figur verkommen“, sagte Nick Cave, der auf „She Walks In Beauty“ Klavier spielt, kürzlich über sie. Dass sie trotzdem noch oft mit Jagger in Verbindung gebracht wird, scheint sie nicht mehr zu stören. Ab und zu postet die Sixties-Ikone, die heute wieder in London lebt, sogar selbst in sozialen Medien Bilder aus alten Tagen mit den Stones.

Viele Krankheiten überstanden

Man kann Faithfull wohl eine Überlebenskünstlerin nennen. 2004 brach sie auf einer Tournee erschöpft zusammen, 2006 wurde Brustkrebs diagnostiziert und erfolgreich operiert, und 2007 machte sie eine Hepatitis-C-Infektion öffentlich. Ein Jahr später musste sie erneut eine Tour wegen Erschöpfung abbrechen. 2014 brach sie ihre Hüfte. Das Schlimmste aber sei Corona gewesen. „Das willst du nicht kriegen, Darling“, sagte sie kurz danach der „Irish Times“. „Wirklich!“

Auf ihrem wunderbaren Album „She Walks In Beauty“ spricht Marianne Faithfull nur, aber man hört ihre Kurzatmigkeit. Ob sie wieder wie früher singen kann, ist wegen der Corona-Langzeitfolgen offen. „Ich habe einmal in der Woche Gesangstraining“, sagte sie der „Los Angeles Times“. „Ich gebe mein Bestes, aber es ist sehr hart.“ Trotzdem hofft Faithfull, dass sie zumindest in kleinerem Rahmen wieder Konzerte geben kann. „Vielleicht schaffe ich irgendwann fünf Shows: London, Paris, Berlin und zwei andere. Aber reisen kann ich nicht mehr.“

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