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Boulevard

Sloterdijk: Plötzlich kann Politik Prioritäten setzen

Leute

Mittwoch, 1. Juli 2020 - 17:31 Uhr

von Deutsche Presseagentur dpa

dpa Wien. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sich Gedanken zur Corona-Krise gemacht. Die Politik habe eine Prioritätenliste aufgestellt und die Sorge um den Staatshaushalt zurückgestellt, sagt er.

Der Philosoph Peter Sloterdijk gestituliert beim Interview. Foto: Roland Schlager/APA/dpa

Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht in der Coronakrise den Staat als Handelnden wiedererwacht. Zuvor habe sich die Politik als von Sachzwängen getrieben dargestellt.

„Jetzt kommt etwas heraus, was den Politikern gar nicht so lieb sein dürfte, nämlich die effektive Handlungsfähigkeit des Staates“, sagte Sloterdijk der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Der Versuch der Eindämmung der Pandemie sei eine ungeheure Demonstration der Fähigkeit gewesen, eine Prioritätenliste aufzustellen. Die Sorge um den Haushalt sei dabei ganz weit in den Hintergrund gedrängt worden. Früher habe man gesagt: „Wir können uns nichts leisten, das wir nicht auch bezahlen können. Heute können wir alles bezahlen - mit Scheingeld. Wir haben die Realität ausgetrickst.“

Die Erfahrungen des Lockdowns seien möglicherweise lehrreich für die Bürger gewesen, so der 73-Jährige weiter. Die Menschen dürften verstanden haben, dass sie eine Machtprobe des scheinbar sanften postmodernen Verwaltungsstaates erlebt hätten. „Wir haben einen zehnwöchigen sanitären Staatsstreich in den Knochen. Staatsstreich insofern, als Notstandsmaßnahmen verfügt worden sind, wie sie zu einem Ausnahmezustand gehören“, sagte Sloterdijk. Er glaube, dass es für viele Bürger im Westen eine ganz heilsame Erfahrung gewesen sei, zu sehen, dass der Staat nicht nur als oberster Garant der Steuereintreibung funktioniere. „Ich glaube, das ist gar nicht so schlecht, weil es eine Lektion in Demokratiekunde enthält.“

Als Anhaltspunkt für die Normalität sieht Sloterdijk das Konsumverhalten. „Volle Normalisierung tritt erst ein, wenn die Leute wieder in der Stimmung sind, in der sie Überflüssiges kaufen.“

© dpa-infocom, dpa:200701-99-637983/2

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