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Spiritualized: Orchestraler Rausch aus dem Laptop

Musik

Dienstag, 25. September 2018 - 09:51 Uhr

von Von Werner Herpell, dpa

dpa Berlin. Überwältigend und irgendwie irrsinnig in ihrem Größenwahn - diese Beschreibung für die Musik von Jason Pierce und Spiritualized trifft auch auf die neue Platte des Britpop-Gospel-Projekts zu.

Jason Pierce hat den monumentalen Sound in seinem Kopf auf Festplatte gebannt. Foto: Juliette Larthe

Na klar, diese Spiritualized-Platte ist wieder mehr als nur eine schnöde Songsammlung. Ein Großwerk von fast 50 Minuten, eine Breitwandsound-Orgie, ein orchestraler Rausch (der allerdings am Computer erzeugt wurde). Und zugleich, bei all seiner fast schon arroganten Ambition, ein extrem schönes Album.

Die Rede ist von „And Nothing Hurt“ (Bella Union/Pias/Rough Trade), der fünften Spiritualized-Veröffentlichung seit dem bei Kritikern und Käufern sehr erfolgreichen „Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space“ (1997). Frontmann Jason Pierce hat ein weiteres Mal Britpop, Shoegaze, sinfonischen Gospel-Soul, groovenden Space-Rock („The Morning After“) und Garagen-Rock („On The Sunshine“) mit purem Größenwahn und „Leck-mich“-Attitüde (frei drehende Jazz-Saxofone!) verrührt.

„Dieses Album ganz allein zu machen, hat mich mehr als je zuvor fast in den Wahnsinn getrieben“, gibt der stets mit ermatteter, gleichwohl charismatischer Stimme singende Pierce zu. Er habe den gewaltigen Klang früherer Spiritualized-Konzerte erzeugen wollen, „aber da ich die Kohle nicht hatte, musste ich mit dem klar kommen, was da war. Also habe ich mir ein Laptop gekauft und alles in einem kleinen Raum zuhause gemacht.“

Kaum zu glauben, wenn man diese an Phil Spector erinnernden „Wall of Sound“ hört, die Pierce etwa in „Let's Dance“, „Damaged“ oder dem abschließenden „Sail On Through“ errichtete. „Das Wichtigste war mir, dass es wie eine Studiosession klingt“, sagt der 52-jährige Sänger und Multiinstrumentalist. Da er jedoch keine Erfahrung mit so etwas habe, „saß ich Wochen, Monate daran“ - um den monumentalen Sound im eigenen Kopf auf Festplatte zu bannen.

Bekannt wurde Pierce zunächst mit den 1990 aufgelösten Spacemen 3. Das Motiv des abgedrehten Raumfahrers war in diesem Bandnamen bereits angelegt, es spiegelt sich auf „And Nothing Hurt“ noch einmal im Albumcover.

Seit rund 25 Jahren lässt dieser genialische, wohl auch etwas spinnerte Musiker immer mal wieder als Spiritualized von sich hören - und stets lohnt es sich. Wenn man gegen Ende des neuen Albums die wunderschönen, beruhigenden, mit herrlichen Gitarrensoli verzierten Balladen „The Prize“ und „Sail On Through“ hört, wird man Pierce zu den Großen des Britpop zählen.

Ob der Laptop-Megasound von „And Nothing Hurt“ auch live funktioniert? Es lässt sich bald nachhören: Am 24. November treten Spiritualized beim Synästhesie-Festival in Berlin auf.


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